Kungfutse (Konfuzius) und Laotse

Um das Leben von Menschen wie Kungfutse und Laotse verstehen zu können, müssen wir versuchen, ein wenig in die Vergangenheit Chinas, des »Landes der gelben Erde«, einzutauchen. Schon zu einer Zeit, als in den Stromländern von Nil, Euphrat und Tigris die ersten Hochkulturen der Menschheit emporstiegen, strahlte von den Siedlungs-gebieten der fruchtbaren Lösslandschaften des Hoang-Ho im Herzen Chinas eine reiche Bauernkultur ihre Einflüsse weit nach Norden und Westen bis in die von wilden Hirtenvölkern durchzogenen Steppengebiete der Mongolei aus. Mächtige Reiche unter tyrannischen Herrschern entstehen und vergehen, gigantische Bauwerke wie die Chinesische Mauer werden errichtet, und in den Palaststädten der Kaiser prunkt unerhörter Luxus, während das Millionenvolk der fleißigen Handwerker und Ackerbauern in Armut und Unterdrückung sein gequältes Dasein fristet.

In langen geschichtlichen Zeiträumen hat sich die chinesische Zivilisation und Kultur über die Grenzen politischer und militärischer Macht hinaus in die grenzenlose Weite des ostasiatischen Raumes ausgebreitet; sie hat den Völkern von den Himmels-bergen Tibets bis zu den Inseln Japans das Licht höherer Sittlichkeit, die Philosophie Kungfutses und Laotses und schließlich in Verbindung mit indischem Geistesgut die Lehre Gautama Buddhas, des Erleuchteten, vermittelt.

Die Welt der Menschen, die im Land der gelben Erde und der großen Ströme entsteht, ist eine Welt der Bauern, die in ständigem Kampf mit der sich wandelnden Erde, mit Wildnis, Tieren und ungezähmten Wassern stehen. Sie versuchen, eine vernünftige Ordnung in das Chaos zu bringen und aus dem Unentwirrbaren eine Harmonie zu schaffen.

Mit Vorliebe ranken sich die Erzählungen der chinesischen Nachwelt um jene legendären Kaiser, die die größte aller chinesischen Schöpfungen in Angriff nahmen und zeitweilig auch meisterten: die Bändigung der Flüsse im Land des fließenden Lösses. Durch alle Generationen hallt das Loblied auf die Kaiser Yao und Yü, die Dämme und Kanäle bauten.

Durch alle Fabulierlust der Mythen schimmert immer ein Wesenszug durch, der diesem Volk von Anfang an eigen war: der Drang nach höherer Ordnung, das Streben aus dem Chaos zur Harmonie. Der Urchinese ist Bauer, er ringt mit Erde und Wildnis, Himmel und Strom um sein Ackerland; sein Dasein ist ein ewiger Kampf zwischen den elementaren, ungebändigten Kräften und seinem Willen zu Regulierung, Ordnung und Vernunft.

Schon in der zu Ende gehenden Steinzeit ist sich der chinesische Mensch der Notwendigkeit bewusst, nicht nur das äußere Leben durch Rodung, Ackerbau und Wasserwirtschaft zu regeln, sondern auch Geist und Seele des Menschen durch Erziehung zur Harmonie zu führen. Diese bereits in der Vorzeit erkennbaren Grundlinien führen in die Zukunft der eigentlichen chinesischen Geschichte und in die sich deutlich abzeichnenden Jahrhunderte der Gelben Kulturen bis in die Tage unserer Gegenwart.

Viele Jahrhunderte vor Christus entsteht unter König Wen und seinem Sohn Wu das mächtige Reich der Chou. Viele Feldzüge werden geführt, gründlich und systematisch vernichten die Chou alle Erinnerungen an die vorangegangene Dynastie, die nicht mehr in der Lage war, die große Ordnung der Welt aufrechtzuerhalten.

In der Bergstadt Feng steht das festungsartige Schloss des neuen Kaisers, in das er nach siegreichen Feldzügen seine treuen Gefolgsleute, Generäle und Minister beruft. Von der Höhe des Chou-Schlosses ertönen die erzenen Gongs.

Im Schloss gibt es keinen Saal, der groß genug wäre, um die Menge der Adligen zu fassen, die den Kaiser begrüßen wollen. Deshalb weisen die Hofbeamten den Ankommen-den Plätze im großen Innenhof zu, dessen hölzerne Arkaden ein Viereck um die Zisterne bilden. Ein Thronsessel wurde aufgestellt und mit Tiger- und Leopardenfellen bezogen.

Wieder ertönen die Erzgongs, ein Korps von Musikern schlägt die Felltrommeln und schlägt die Klangsteine, Flöten ertönen, und bronzene Zimbeln erklingen, als sich die Bambuspforte öffnet und Kaiser Wu mit seinen männlichen Verwandten erscheint.

Kaiser Wu ist noch jung. Sein Gesicht ist maskenhaft undurchsichtig, das energische Kinn und das Feuer in den dunklen Augen, das aus schmalen Lidern blitzt, sprechen von Tatkraft und Machtbewusstsein. Seine Sprache ist ruhig und von natürlicher Würde.

Er erzählt von den Jahren des Krieges, von Siegen und Eroberungen, die den Chou ein riesiges Reich in den Schoß warfen, das sich von den Drachentor-Bergen bis zum Meer, ja bis zur fernen Halbinsel Korea erstreckte. Mehr als fünfzig neue Provinzen unterwarfen sich den Heeren der Chou.

„Eroberung jedoch ist nichts“, sagte der Kaiser, „Ordnung ist alles.“

Jetzt, da die Kämpfe zu Ende gingen, sei es die höchste Pflicht der Chou, die Harmonie in der Welt wiederherzustellen. Niemals dürfe das Herrscherhaus vergessen, dass der Sturz der Yin-Kaiser durch inneres Chaos verursacht worden sei, dass die Dynastien der Hsia und der Yin an der gestörten Ordnung zugrunde gegangen seien.

„Darum ist es unsere Pflicht“, ruft Wu mit erhobener Stimme, „die Ordnung im eigenen Hause und in allen Häusern des Landes für ewig festzulegen.“

Feierlich verkündet er die neuen Gesetze über Erbfolge und Rangordnung.

„Ich habe große Siege errungen und ein ungeheures Reich erobert“, sagt der Kaiser, und ein Lächeln verschönt seine starren Züge. „Ihr, meine Getreuen, habt mir dabei geholfen. Nun sollt ihr mir auch helfen, es zu regieren. Herrschaft aber bedeutet wiederum Ordnung und Harmonie. Der Niedrige gehorche dem Höheren, und über alle stehe der Kaiser. Ich habe den Willen, das Reich Chou in Bezirke einzuteilen, jeder von euch soll einen Teil des Landes verwalten und mir von Zeit zu Zeit Rechenschaft über seine Taten ablegen. Darum setze ich als Fürsten über die Provinzen einen Kung oder Herzog. Tritt vor, mein »Kleiner Ehrenwerter«, Bruder T’an, ich ernenne dich zum Herzog von Chou! Regiere das Stammland der Chou in den Drachenbergen!“

Erneut flattern die weiten Seidengewänder, und Händeklatschen hallt von den Palastmauern wider, als der junge Herzog vor dem Kaiser das Knie beugt und von ihm als Zeichen seiner Würde eine purpurne Kappe erhält. Danach werden Generäle, Minister und die Großen des Landes herbeigerufen, um aus der Hand des Kaisers den Herzogtitel zu empfangen.

Noch einmal ergreift Kaiser Wu das Wort.

„Das Reich ist gegründet, die Ordnung der Welt wiederhergestellt“, ruft er, „vergesst jedoch niemals, dass alle Ordnung nur soviel wert ist wie das Herz der Männer, in deren Händen sie liegt. Solange der Herzog Freund, Vater und Beschützer seiner Adeligen und Bauern, solange der Ritter der gute Nachbar und wohlmeinende Vorkämpfer seiner Bauern sein wird, solange werden Harmonie zwischen Thron und Volk und Friede zwischen Himmel und Erde sein.“

Alle fünf Jahre reist Kaiser Wu durch sein ausgedehntes Reich. Von feurigen Hengsten gezogen, eilt sein Wagen, gefolgt von Lanzenreitern, über die staubigen Straßen der Provinzen. In den Jahren der Inspektion bricht der Kaiser im zweiten Frühlingsmonat auf zum heiligen Berg des Ostens, im Sommer geht er zum heiligen Berg des Südens, im achten Monat reist er zum heiligen Berg des Westens und im elften Monat, wenn Schnee herabwirbelt, trägt ihn seine Kutsche zum Heiligtum am Berge des Nordens.

Die Herzöge schicken ihm weithin ihre Ritter entgegen und geleiten den Herrn der Gelben Erde in die Städte und auf die Marktplätze. Kaiser Wu ordnet sich selber der großen Harmonie des Lebens ein. An allen Orten, die er besucht, erkundigt er sich nach den Ältesten und lädt sie freundlich zu sich ein, damit sie ihm Bericht über die Zustände im Lande geben. Er verlässt sich niemals allein auf die Berichte seiner Feudalherren. Lebt aber irgendwo ein Mann über achtzig, so erspart ihm der Herrscher den Weg zum Hofe und sucht ihn selber auf, so groß ist seine Achtung vor Alter und Weisheit.

Oft mischt er sich ins Marktgewühl, prüft die ausgestellten Waren, die mit Karawanen weit aus dem Süden oder Westen herangeschafft werden. Wenn irgendwo Volkssänger auftreten, lässt er sie in sein Zeltlager holen und hört mit Vergnügen ihren Balladen und Liedern zu.

Bei aller Güte und Milde vergisst Wu niemals, dass er durch Heeresmacht und Kampf in den Besitz des Reiches gelangt ist. Mit harter Hand beseitigt er Widerstände und wirft den Aufruhr von Empörern nieder.

Der Kaiser hat der Gelben Erde die höchstmögliche Ordnung geschenkt und Harmonie zwischen Himmel, Erde und Menschheit. Das Schicksal sieht seine Aufgabe für erfüllt an und entlässt ihn. Er stirbt in noch jungen Jahren und hinterlässt das Reich seinem minderjährigen Sohn, dem Zögling des Herzogs von Chou.

Aber Herr T’an, der »Kleine Ehrenwerte«, ist selber ein Teil der Harmonie und fern von persönlichem Ehrgeiz und Machtstreben. Getreulich verwaltet er Volk und Staat für den heranwachsenden Erben. Noch nach Jahrhunderten wird man die Herrschaft des Herzogs von Chou als ein goldenes Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit preisen. Ein bäuerlicher Poet dichtet einen Vierzeiler:

Die Menge sucht Gewinn,
Der Ehrenwerte Ruhm.
Der Gute schätzt Erfolg,
der Weise nur die Seele!

Unter der milden und gerechten Herrschaft des Herzogs und seines Nachfolgers weicht auch der Druck des Geister- und Dämonenglaubens von der Seele des Volkes. Da man nicht mehr in Furcht vor dem Unbekannten und Ungebändigten lebt, bedarf es auch keiner Erklärungen durch Gespenster und Teufelswesen aus einer Welt des Schreckens. Sklavenopfer zu Ehren der Götter werden abgeschafft und unter Strafe gestellt.

Der große Herzog, der die Musik liebte und der in ihr ein Mittel zur Milderung des Triebhaften und Ungezügelten im Menschen erblickte, schuf gleichsam ein gewaltiges Orchester, in dem, abgestuft nach Bedeutung, Tüchtigkeit und Rang, jeder seinen Part zu spielen hatte. Aber auch er war der Zukunft gegenüber machtlos; denn im Schoß des Künftigen lagen Gefahren verborgen, die von allen Seiten auf das Volk Chou hereinbrechen mussten, wenn einmal ein Kaiser nicht die hohe Kunst beherrschte, dieses gewaltige Staatsorchester zu dirigieren.

Das System des Feudalismus, das er und sein älterer Bruder Wu als neue Ordnung eingeführt hatten, war so gut und so schlecht wie die Träger der unterschiedlichen Macht-gruppen waren. Solange starke Herrscher und von ihrer patriarchalischen Aufgabe über-zeugte Herzöge, Grafen und Barone die Vertreter dieser adeligen Ordnung waren, ging alles seinen guten Gang. Wehe aber dem Staat der Chou, wenn er von schwachen Kaisern regiert wurde und wenn die Hirten, die das Volk leiten und beschützen sollten, selbst zu Räubern und Wölfen wurden!

Der Geist des Herzogs wirkte lange über seinen Tod hinaus. Noch der fünfte Kaiser der Dynastie Chou hielt die Zügel des Reiches fest in Händen, obschon die Steuerlasten der Bauern höher und der verderbliche Reichtum der Feudalschicht größer geworden waren. Die in fünf Generationen friedlicher Entwicklung angehäuften Schätze und die unbestrittene Machtfülle verführten Kaiser Mu bereits zu unnötigen und aussichtslosen kriegerischen Unternehmungen im fernen Westen, der mit seinen Gebirgen und Wüsten noch immer wie ein geheimnisvolles dunkles Tor zum Abenteuer drohte.

Nach dem Tode des Kaisers Mu begann der Verfall.

Durch willkürliche Landschenkungen an Herzöge und Barone, durch wiederholte Rangerhöhungen des hohen Adels wuchs die Macht der Feudalherren im ganzen Reich. Die ursprünglichen Lehens-Herzogtümer entwickelten sich unter schwachen Chou-Kaisern zu fast unabhängigen Königreichen, die Grafen fühlten sich wie die Herzöge und pochten auf ihre unbeschränkte Gewalt, die Barone saßen als Herren über Leben, Tod und Eigentum zu Häupten der Bauern und begriffen, dass es einzig bei ihnen lag, noch mehr aus dem Landvolk herauszupressen und damit noch mächtiger und reicher zu werden.

Die Zeit der Wahrheitssucher wie Kungfutse und Laotse rückte solcherart näher.


Kungfutse

In der heutigen Provinz Shantung liegt in der Nähe der Stadt Dsou der heilige Berg Mu. Hier, am Berghang, in einer Höhle, wird im Jahre 551 v. Chr. eine Pilgerin, die zu den Berggöttern betet, von ihrer schweren Stunde überrascht und schenkt einem Knaben das Leben, dem sie den Namen Kungfutse gibt.

Zur gleichen Zeit erobert weit im Westen der Großkönig Kyros Babylon und führt das Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurück. In Griechenland lenken die großen Philosophen der ionischen Schule das abendländische Denken in neue Bahnen, in Olympia trifft sich die Jugend Hellas zu den nationalen Sportwettkämpfen, in Indien sammelt Buddha, der Erleuchtete, seine Jünger um sich und lehrt Weltentsagung und Selbsterlösung.

Der Vater des Kungfutse ist ein Nachfahre der alten Kaiserdynastie der Yin. Die Familie hat jedoch seit langem jeglichen Einfluss verloren, obwohl sie bedeutende Soldaten, Politiker und hohe Beamte zu ihren Vorfahren zählt. Kungfutse waren neun Schwestern vorausgegangen, er war das zehnte Kind, und seine Geburt stand unter Aufsehen erregenden Vorzeichen. Deshalb hatte die Mutter eine Pilgerfahrt zu den Geistern der Berge unternommen, denn der heilige Berg Mu war ihr von Astrologen als der glückverheißendste Ort für die Zukunft des noch ungeborenen Kindes bezeichnet worden.

Der kleine Lehensstaat Lu, zu dem Kungfutses Heimatstadt gehört, wird von tyrannischen Herzögen regiert. Die alten Familien genießen zwar hohes Ansehen, haben aber keinen Einfluss auf die politische Führung des Landes.

Sein Vater ist bereits siebzig Jahre alt, als Kungfutse geboren wird, und stirbt, als Kungfutse noch ein Kleinkind ist. Abseits von Dämonenfurcht und Aberglauben lehrt die Mutter den Jungen die alten Legenden und überlieferten Weisheiten. Nach Jahren der häuslichen Vorbereitung gibt sie den Wissbegierigen in die Schule des weisen Mandarin Yen.

Als Kung dem Unterricht des Mandarinen entwachsen ist, zwingt ihn die Mittellosigkeit seiner Familie in die harte Schule des Lebens. Er wird zunächst Getreidespeicherverwalter und Steuerbeamter. Da er alle seine Pflichten mit großer Gewissenhaftigkeit erfüllt, befördert ihn das Ministerium des Staates Lu zum Oberaufseher über die Herden seines Heimatbezirks. Bei dieser Arbeit lernt er nach und nach die Probleme der Verwaltung und der Wirtschaft kennen und erkennt, dass auch in diesen Bereichen die alte Ordnung zerbrochen ist, dass sie nicht mehr im Einklang steht mit den mächtigen Geistern der Berge, von denen Chinas Schicksal ausgeht.

Im Alter von zwanzig Jahren gibt Kungfutse sein Amt als Oberaufseher der Herden von Lu auf und schart trotz seiner Jugend Schüler um sich, denen er eine neue Ordnung beibringen will. In einem Land, in dem das Alter alles ist, ist es ein unerhörtes Wagnis, in so jungen Jahren eine eigene Schule zu eröffnen. Dennoch verbreitet sich der Ruf des jungen Gelehrten in den folgenden Jahren weit über die Stadt Dsou hinaus. Junge, ehrgeizige Menschen suchen die Nähe des Gelehrten, um von ihm zu lernen. Einer von ihnen heißt Dsi-Gung, hat ein bescheidenes Hofamt in der Kaiserstadt Loyang und hält sich nur vorübergehend im Land Lu auf.

Nach seiner Rückkehr in die Residenzstadt fragt ihn ein hoher Mandarin und Minister des Kaisers:

„Ist dein Meister ein Heiliger? Welche Fähigkeiten besitzt er?“

Dsi-Gung antwortet: „Wenn der Himmel es zulässt, wird der junge Kung eines Tages ein Heiliger sein. Er besitzt viele und wunderbare Fähigkeiten.“

Bei einem späteren Aufenthalt Dsi-Gungs hört Meister Kung von dem Interesse des Mandarins, und fragt Dsi-Gung: „Woher kennt der Minister mich Armseligen? Meine Jugend war dürftig, ich gehöre nicht zu den Reichen und Mächtigen, das einzige, was ich erwarb, war Wissen. Aber Wissen suche ich nicht mehr - heute suche ich Weisheit.“

Der Schüler sagt voll ehrfürchtiger Bewunderung: „Wer kennt wie du den Weg der alten Herrscher, die überlieferten Bücher der Alten?“

Kungfutse schlägt bescheiden die Augen zu Boden.

„O Dsi-Gung, ich forsche hier unten, um durchzudringen nach oben. Wenn ich einen Würdigen sehe, strebe ich danach, ihm gleich zu werden. Sehe ich aber einen Unwürdigen, so prüfe ich mich zunächst in meinem Inneren. Noch bin ich nicht weise, doch stehe ich fest auf dem Boden der Wahrhaftigkeit. Mit Dreißig muss ein Mann fest stehen.“

„Was ist es, o Meister, wonach du strebst?“

„Ich versuche zuerst selber edel zu werden, bevor ich es andere lehre.“

„Was, o Ehrenwerter, nennst du edel sein?“

„Der Edle versteht sich auf das Recht, der Geringe auf den Gewinn. Der Edle verlangt von sich selbst viel, der Geringe von anderen. Der Edle sucht den inneren Wert, der Geringe den Besitz. Einen Edlen, der nicht gütig ist, gibt es wohl, aber es gibt keinen Geringen, der gütig ist. Der Edle wird nicht nach Kleinigkeiten beurteilt, aber er kann Großes auf sich nehmen. Der Geringe kann nicht Großes auf sich nehmen, aber er kann nach Kleinigkeiten beurteilt werden.“

Tseng-Tze, einer der anderen Schüler, ergreift das Wort, als Kungfutse schweigt.

„Merke dir, o Dsi-Gung, zwei Worte, in denen Meister Kungs Weisheit beschlossen liegt: Kung, das bedeutet seine Pflichten als Mensch bis zum Äußersten erfüllen, und fu, das heißt: gegen andere so handeln, wie man gegen sich selber handeln würde oder auch seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Vier Dinge aber fehlen vollkommen im Wesen des Meisters. Er hat weder Vorurteile noch eigenwilligen Geltungsdrang, weder Starrsinn noch Sinn für Egoismus.“

Im Alter von dreißig Jahren wird Meister Kung als Erzieher des kaiserlichen Prinzen Ching-wang an den Hof von Loyang berufen. Diese Reise in die Hauptstadt ist für Kungfutse von großer Bedeutung, denn überall begegnet er den Zeugen der großen Vergangenheit des Reiches.

Wie im Traum wandelt er durch den Palastbezirk und sieht die gewaltigen, aus Stein gemeißelten Fabeltiere, die als Wächter an den Wegen zu den Kaisergräbern stehen; er sieht die hohen, geschnitzten Tore vor den Ahnentempeln, die vergoldeten Ziegel und die kühn geschweiften Dachfirste mit den bronzenen Drachen. Wohlgeordnet und mächtig stand einst diese alte Welt der Kaiser; erfüllt von Güte, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit strahlte sie Kultur, Bildung und Wissen aus.

Ungeheuer reich ist die Bibliothek des Palastes von Loyang. Tausende von Werken aller Art ruhen in den lackierten Regalen. Die meisten Bücher bestehen aus gestapelten Bambustafeln, die mit roten Stoffstreifen gekennzeichnet sind. Einige neuere Ausgaben sind auf zarte Leinentücher gepinselt, zusammengerollt und in kostbaren Bücherschatullen aufbewahrt, an denen ebenfalls die violetten Streifen mit den Titelangaben hängen.


Kungfutse begegnet Laotse

Viele Stunden und Tage verbringt der Gelehrte von Dsou in der »Halle des Lichts«, um die Weisheit der Vorzeit zu studieren. An einem dieser Tage der Ruhe und des Glücks wird die Stille der »Halle des Lichts« jäh gestört. Die Freunde und Schüler Dsi-Gung, Tseng-Tze, Chin und Tze-Kung stürmen durch die große, mit Seide bespannte Bambustür herein und berichten voll tiefster Erregung, vor Ehrfurcht flüsternd, dass Laotse, der große Laotse, seit wenigen Minuten als Gast des Herzogs im Palast weilt.

Kungfutses Augen leuchten. Schweigend legt er den Schreibpinsel beiseite und erhebt sich. „Dieser Tag steht im Zeichen des Himmels“, sagt er feierlich.

Mit seinen 85 Jahren ist Laotse fast zu einer lebenden Legende geworden. Einst hatte der alte Mann die Bibliothek am Hof der Chou-Kaiser verwaltet. Doch als er den unaufhaltsamen Verfall des Hofes sah, zog er in die Fremde. Weit in den westlichen Bergen, am Hanku-Grenzpass, soll ihn der Passaufseher Yin-Hi angehalten haben.

Der Passaufseher sprach zu dem Alten: „Ich sehe, o Herr, dass du in die Einsamkeit gehen willst. Ich bitte dich um der Menschen willen, schreibe deine Erkenntnisse in ein Buch und lass die Weisheit deines Alters nicht verloren gehen.“

Laotse hatte die Stille der Wildnis gesucht, er fand Zuflucht in einer Berghöhle, dort entstand sein Buch vom Weltprinzip Tao und den Begriffen der höchsten Tugend. Tugend bedeutete für Laotse das Einssein mit dem Geist des Tao, die Harmonie der Weltvernunft und des Lebens. Das Tao ist ein kosmisches Prinzip, der große geheime Strom des Seins, den nur der Weise erkennt. Da Leben, Glück und Schmerz sowie Tod, Liebe und Größe nur wechselnde Phasen des unaufhörlich fließenden Daseinsstromes sind, wird nur ein Tor versuchen, seinem Schicksal zu widerstehen.

„Wissen ist sinnlos, Handeln überflüssig. Wünschen schädlich, Reichtum, Ehre und die ganze Stufenleiter der Freuden und Schmerzen, die sich unseren Sinnen gaukelnd anbieten, nichtig wie Träume.“

Nachdem Laotse sein großes Werk vollendet hat, kehrt er aus der Einsamkeit in die Welt der Menschen zurück, und eine seiner ersten Stationen ist der Palast von Loyang.

Der gesamte Hofstaat, einschließlich des Kaisers und des Kronprinzen, hat sich um Laotse in der »Halle der Erleuchtung« versammelt. In der Mitte des weiten Raumes kauert der Alte, in lange, einfache Gewänder gehüllt. Aus schmalen Augen, die keine menschliche Regung erkennen lassen, blickt er forschend auf den jungen Gelehrten, der sich ihm demütig und mit vielen Verbeugungen nähert. Nichts verändert sich im Gesicht des Alten, das von Schmerz, Enttäuschung und Einsamkeit gezeichnet ist und sich zu einer letzten Vergeistigung vollendet hat.

Der Hof schweigt und blickt auf die beiden Weisen, deren Namen weit im Lande bei allen Wissenden Klang und Bedeutung haben.

Die Stimme Laotses ist zuerst kaum zu verstehen, es ist, als spräche er nur zu sich selber.

„Es ist sinnlos, für irdische Dinge tätig zu sein. Die Menge ist träge und fällt immer wieder in Dumpfheit zurück. Ihr Widerstand zu leisten, ist eines Weisen unwürdig; er zieht sich besser in die Einsamkeit seiner Seele zurück, sucht die Geheimnisse seiner Seele zu ergründen, erforscht die Geheimnisse der Schöpfung und erkämpft den Weg der Selbsterlösung. So wird er vielleicht am Ende seines Lebens aus dem Staub in die kristallene Reinheit des Geistes aufsteigen und eingehen ins Tao.“

„Verehrungswürdiger!“ erwidert Kung, „erlaube deinem ganz unwürdigen Bewunderer, dass er einige völlig andere Gedanken hegt. Der Gelehrte sollte sich nicht in sich selbst verschließen, sondern seine Weisheit gebrauchen, um den Unwissenden zu helfen. Wie aber könnte er Hilfe leisten, wenn er sich in die Abgeschlossenheit des Tao flüchtet? Ich glaube, das Volk ist immer das, was man in ihm wachruft. Es ist alles gleichzeitig im Menschen, das Gute und das Böse, das Edle und das Niedrige, es kommt darauf an, was wir aufrufen und anrühren. Das Edle ans Licht zu bringen, ist die Verpflichtung jeder Regierung. Darum suche ich nach den besten Grundregeln des Zusammenlebens, nach den Prinzipien, welche die sittlichen Beziehungen der Menschen neu ordnen können. Es mögen uralte und einfache Regeln sein, aber jeder begreift sie: Verberge kein Getreide, wenn es anderen fehlt! Entrechte keinen gesetzlichen Erben! Grabe dem Nachbarn kein Wasser ab! Sei gütig im Ernst und sei streng ohne Grausamkeit, sei eifrig ohne Hochmut! Das sind Gesetze, die jedem einleuchten und die der Gemeinschaft nützlich sein werden. Man kann sie schon in den Lehren der alten Kaiser finden!“

Lange ist es still in der Halle, bis sich wieder die leise Greisenstimme Laotses erhebt.

„Die alten Kaiser sind tot, ihre Knochen sind Staub, ihre Taten verweht. Wenn der Mensch in günstigen Zeiten lebt, so mag er emporsteigen. Sind aber die Zeitläufe gegen ihn, wie zu unseren Lebenszeiten, so schreiten seine Füße dahin, als seien sie gefesselt. Ich habe gehört, dass in Tagen allgemeiner Dürftigkeit der kluge Kaufmann, der Schätze angehäuft hat, den Anschein der Armut erweckt, um dem Neide zu entgehen. So muss auch der Mensch, der Wissen angesammelt hat, sich in trüben Zeiten dumm stellen, um der Missgunst zu entgehen. Lass ab von deinem Pfade, Kungfutse, denn auch du wirst durch die Schlammflut der Niedrigen nicht hindurch kommen!“

„Weiser und großer Gelehrter!“ entgegnet Kung ehrfurchtsvoll, „vergib meine große Torheit. Aber ich glaube in meiner jugendlichen Unerfahrenheit, dass es einen Weg gibt, die Welt zu verbessern: Man muss vorangehen und die anderen ermutigen und nicht müde darin werden!“

„Das Volk wird dir nicht nacheifern, Meister Kung!“

„Man muss sich mit Würde zu ihm herablassen, so wird es Ehrfurcht lernen. Man muss seine Nächsten Kindesliebe und Barmherzigkeit lehren, so werden sie treu sein. Man muss die Guten erheben und die Unfähigen lehren, so werden alle zum Besten streben!“

Laotses Augen schließen sich wie in allzu großer Müdigkeit. „O Kung!“ sagt er. „Was willst du wirken, der du ohne Autorität bist? Wer der Sohn eines anderen ist, hat nichts aus sich heraus, denn er schuldet alles seinem Vater; wer der Beamte eines anderen ist, hat nichts aus sich heraus, denn er schuldet alles einem anderen. Jeder, der gleich dir durch sein Verhalten und seine Predigt die Fehler der Umwelt entschleiert, bringt sich in Gefahr! Sieh dich doch um, Meister Kung! Blicke in diese Halle und sieh, wie so viele, die schlechter und ungelehrter sind als du, mit goldenen, kristallenen und smaragdenen Knöpfen auf ihren Mützen prunken, und du selbst trägst nur das Zeichen niedrigsten Ranges!“

„Natürlich hast du recht“, erwidert Kung lächelnd, während ein entrüstetes Raunen durch die Reihen der Mandarine geht. „Ohnmächtig scheinen wir oft, und oft predigen wir im menschenöden Gebirge. Wo wir zu Menschen reden, da ernten wir oft Hass. Und dennoch hoffe ich unermüdlich. Es steht in den Büchern geschrieben: Die Wahrheit siegt am Ende...“

Laotses Antlitz ist unbewegt wie zu Anfang des Gesprächs. Stumm weist er mit der Hand auf das Fenster aus durchsichtiger Seidengaze. Auf dem plattenbelegten Platz vor der »Halle der Erleuchtung« steht die Bronzestatue eines wegen seiner weitschauenden Vorsicht berühmt gewordenen Staatsministers. Die Lippen des Standbildes sind mit drei Riegeln versperrt.

Hast du die Inschrift gelesen?“ fragt der Alte. „Sei vorsichtig im Reden! Sprich nicht zu viel, denn das Wort führt zum Unheil!“

Laotse erhebt sich schwerfällig, zwei Diener springen hinzu und helfen ihm. Der weißhaarige Mann legt mit gütiger, liebevoller Gebärde die Hand auf die Schulter des Jungen.

„Groß ist der einsame Mensch, und er ist heilig!“ murmelt er. „Alles Irdische steigt aus dem Tao, und alles kehrt dorthin zurück. Höchstes Menschenziel ist Einssein mit dem Weltgesetz, letzte sittliche Bestimmung ist nicht das Tun, sondern das Sein.“

Des Himmels Weg:
Er streitet nicht und versteht dennoch zu siegen.
Er redet nicht und versteht dennoch zu antworten.
Er ruft nicht auf, und dennoch kommt alles von selbst.
sanft ist er und versteht dennoch zu planen.
Des Himmels Netz ist groß,
Weit die Maschen - und dennoch entgeht ihm nichts!

„Wie aber“, beharrt Kungfutse, „soll das Übel der Zeit verschwinden, die Menschheit besser werden und emporsteigen, ohne dass wir handeln? Ist nicht eine untätige Obrigkeit mehr zu fürchten als ein reißender Tiger?“

Etwas wie ein Lächeln huscht über die faltigen Züge des Alten.

„Geh deinen Weg, Kung! Du kannst nicht anders, es ist dein Tao. Aber ich sage dir, es wird nutzlose Mühsal und am Ende Enttäuschung sein!“

Die Jahre vergehen und Kungfutse ist immer noch ein Lernender. Seine Stelle als Lehrer in Loyang besteht nur noch der Form nach und bringt ihm kaum noch Geld ein. Er lebt arm und kärglich von Trockenfleisch und Früchten, die ihm seine Schüler als Lehrgeld mitbringen. Oft erzählt er ihnen vom Leben eines Gelehrten:

„Ein Mann, der nach der Wahrheit strebt und sich dabei seiner schlechten Kleider und seiner schäbigen Nahrung schämt, ist nicht wert, dass man mit ihm spricht.“

Dummheit und Faulheit duldet er nicht.

„Morsches Holz kann ich nicht schnitzen, und eine Mauer aus schmutziger Erde vermag ich nicht zu weißen. Wer keine Begeisterungsfähigkeit aufbringt, dem werde ich die Wahrheit nicht erschließen, und ich kann keinem helfen, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag. Wer - wenn ich eine Seite eines Problems beleuchtet habe - nicht drei andere zu erklären vermag, den werde ich nicht länger unterrichten.“

In diesen Jahren, in denen ihm die große Kaiserbibliothek von Loyang zugänglich ist, beginnt Kungfutse die »Bücher der Urkunden« aus Berichten der Vorzeit, das »Buch der Riten« nach den Überlieferungen des Herzogs von Chou und das »Buch der Musik und Lieder« nach den Sammlungen alter Volksgesänge zusammenzustellen.

Immer, wenn er an diesen Werken arbeitet, denkt er an die Aufgabe, die er seinem Leben gestellt hat: Staat und Gesellschaft zu bessern und das Chaos zu bändigen. Unter den bildenden Geistesmächten, von denen er die Veredlung der Menschenseele erhofft, spielt die Musik eine wichtige Rolle.

Die Zeit verweht wie der Lößstaub der Hügel, sie strömt wie der Regen, der die Erde von den Bergen ins Bett der Hoang-Ho schwemmt. Wochen, Monate und Jahre vergehen und damit die Lebenszeit des Meisters Kung. Er dichtet traurige Verse:

Durch das Tal heult der Sturm,
der Sommerregen fällt dicht und heftig.
Ich bin aus meinem Heim vertrieben,
durch fremde Länder wandere ich
ohne Zweck und Ziel.
Dunkel, dunkel ist der Geist des Menschen!
Vergebens will die Tugend ihm behilflich sein.
Und es eilen die Jahre dahin,
bald naht trostloses Alter.


Kungfutses Wanderjahre

Kungfutse beschließt, den Hof von Loyang zu verlassen. Die Stadt der machtlosen Kaiser hat keinen Platz für einen Reformer. Intrigen, Neid und Hass beherrschen den Hof, das Volk hört nicht auf ihn - Laotse hat recht behalten!

Als der Frühling Sonne und Wärme bringt, greift Meister Kung zum Wanderstab und zieht mit einer Auswahl seiner Schüler von Fürstenhof zu Fürstenhof, um einen Machthaber zu finden, der bereit ist, mit ihm den idealen Ordnungsstaat der Zukunft zu schaffen, in dem alle glücklich und zufrieden sind.

Doch überall stößt er auf den gleichen Verfall des staatlichen Lebens und der gesellschaftlichen Moral.

Am Hofe des Fürsten Dsi führen die Tänzerinnen das Regiment, an anderen Herzogshöfen verprassen die Adligen die Steuern der Bauern und Bürger. Verzweifelt klagt Meister Kung seinen Schülern: „Wenn das geduldet werden kann, was kann dann nicht geduldet werden?“

Auch die Schüler sind zutiefst empört, sie rufen nach Umsturz und Aufstand: „Für den Weisen gibt es weder Adlige noch Geringe, sondern nur Menschen! Man müsste alle Standesunterschiede abschaffen!“

„Das ist keineswegs klug gesprochen, mein Freund!“ weist sie Meister Kung zurecht. „Es gibt den Edlen und den gewöhnlichen Menschen, ebenso wie es den Paradiesvogel und den Sperling gibt. Aber ich unterscheide sehr wohl zwischen Geburtsadel ohne Verdienste und Edelmann aus eigenem Verdienst. Das Sinnen des wahren Adelsherrn ist nur auf Edles gerichtet, das des anderen auf Geringes. Im Staate der Ordnung werden die gesellschaftlichen Unterschiede nicht aufgehoben, aber nach echtem Verdienst verteilt sein. Jedermann muss den ihm zukommenden Platz ausfüllen; ein Staat ist dann gut, wenn der Fürst Fürst, der Minister Minister, der Vater Vater und der Sohn Sohn ist.“

Als die pilgernde Schar die Residenz des Fürsten Yang-ho erreicht, finden sie alle Gerüchte über die dort herrschende Sittenlosigkeit und Korruption bestätigt. Der Hof feiert Tag für Tag rauschende Feste, während das Volk hungert und von einer bestechlichen Beamtenschaft drangsaliert wird. In stummem Protest nimmt Kung seine Wohnung im Viertel der Armen. Auch als ihm Fürst Yang-ho Geschenke schickt, um den berühmten Gelehrten an seinen Hof zu ziehen, bleibt der Weise dem Palast fern.

Einige Tage später steht Kungfutse an einem der Stadttore, das man »Rosenpforte« nennt, als mongolische Sklaven die Sänfte des Yang-ho vorüber tragen, Soldaten mit Bambuslanzen begleiten den Fürsten; hinter dem Traglager rühren Tänzerinnen Zimbeln und Trommeln.

Yang-ho winkt den Meister heran und fragt vorwurfsvoll:

„Man sagt mir, du rühmst dich gütig zu sein? Seinen Schatz in der Brust verschließen und das Land irre gehen zu lassen kann man das gütig nennen?“

„Nein!“ erwidert Kung.

„Die Tage und Monate gehen dahin, Meister, sie warten auf dich!“

Kungfutse zögert einen Augenblick.

„Gut!“ sagt er dann, „ich bin bereit, ein Amt zu übernehmen...“

Zufrieden winkt der Fürst seinen Sklaven, unter dem stampfenden Rhythmus der Trommeln setzt sich der bunte Aufzug wieder in Bewegung.

Zu Hause in dem armseligen Wohnraum, den sie gemietet haben, fragen die Schüler den Meister, warum er dem Ruf des übelberüchtigten Tyrannen gefolgt sei. „Haben wir den Meister nicht früher sprechen hören: Wer in seiner Person unedel ist, von dem hält sich der Edle fern?“

„Das habe ich gelehrt“, entgegnet Kung, „aber es ist auch so, dass man das Feste nicht zerreiben, sondern nur abschleifen kann. Darum will ich versuchen, Yang-ho zu bessern.“

Der Versuch misslingt, schon nach wenigen Wochen kommt das Ende. Der Fürst gerät in Zorn, als ihm der Weise Vorhaltungen wegen seines Prasserdaseins macht. Er hat einen Mitarbeiter, nicht einen Mahner erwartet. Enttäuscht jagt er den Unbequemen davon, und Meister Kung verlässt unter dem Hohngelächter des Hofes die Stadt.

„Ach“, sagt er, „das war nicht wichtig! Wären mir noch einige Jahre vergönnt, so wollte ich mich in das »Buch der Wandlungen« vertiefen, das ich noch nicht genügend kenne. Mit seiner Hilfe würde ich sicher solch große Fehler in Zukunft vermeiden.“

Er lernt, sinnt, arbeitet an sich und wartet auf die Stunde, die ihn ruft. Im fünf-zigsten Lebensjahr gibt ihm das Schicksal eine Chance.


Mandarin im Herzogtum Lu

Ein einstiger Schüler hat im Herzogtum Lu eine hohe Mandarinstellung errungen und empfiehlt dem regierenden Fürsten, Kung in die Heimat zurückzurufen.

Eine ehrenvolle Einladung ergeht an den Meister, und freudig bewegt macht er sich auf den Weg. Auf der Reise aber hört er bereits, dass sich das Herzogtum Lu durch innere und äußere Wirren in einer verzweifelten Lage befindet.

Auf einer fürstlichen Galeere fährt Meister Kung den Strom hinab. Im Triumph hält der Weise seinen Einzug in die Stadt. Der Weg führt durch umschlossene Höfe, vorüber an plätschernden Brunnen, an spiegelnden Teichen und hohen Steinfiguren. Man trägt den Gast über geschwungene Holzbrücken durch einen winzigen Park auf eine von Lampions erleuchtete Terrasse und in eine Halle, von deren lackiertem Gebälk seidene Spruchfahnen hängen. Hinter korallenroten Gittern steigen flache Stufen zum Thron empor.

Rechts und links reihen sich Mandarine aller Rangstufen. Sie haben nach der Vorschrift des Ritualbuches, das der Herzog von Chou einst verfasst haben soll, die Hände in den weiten Ärmeln versteckt und die Arme vor der Brust gekreuzt.

Vor dem grünen Löwenbanner sitzt, in gelbe Seide gekleidet, Ting, der Herzog von Lu.

Meister Kung verneigt sich tief, und alle Mandarine erwidern seine Verbeugung. In diesem Augenblick glaubt er am Ziel seines Lebens zu stehen. Endlich ist ihm ein Feld gegeben, zu säen und vielleicht darauf zu ernten.

Zugleich mit Kungfutse sind aus allen Teilen des Landes die alten Schüler des Meisters herbeigeeilt; die meisten von ihnen erhalten eine Anstellung als Beamte, damit sie die Ideen des Meisters in seinem Sinne verwirklichen.

Seine rechte Hand ist der Lieblingsschüler Yän-hui, ein genial begabter junger Mann, in dem Kungfutse seinen geistigen Erben sieht. In seine engste Umgebung zieht er den mutigen, raschen und tatkräftigen Dsi-Lu, der ihm mit großer Ergebenheit anhängt, den aus bäuerlichem Geschlecht stammenden Dsi hao, ferner Tseng, den gewissenhaften Sammler seiner Reden und Aussprüche, und seinen Sohn Li.

In schneller Folge rückt der Meister aus der Stellung des Stadtpräfekten zur Würde eines Ministers für öffentliche Arbeiten und zum Justizminister auf. Bei seiner feierlichen Einführung in das Amt des Ministers für Rechtsprechung entwickelt er vor dem versammelten Hofstaat von Lu sein Reformprogramm.

„Erlaubt eurem unwerten Diener Kung“, wendet er sich ehrerbietig an den Herzog, „dass er versuche, über jenes zu sprechen, das Schuld trägt an der Verwirrung, Unordnung und den zahlreichen anderen Plagen dieser Welt. Sonne, Mond und Sterne, Wolken, Winde, Regen und der Gluthauch des Sommers tragen ihren eigenen Geist in sich... Alle Natur lebt in Harmonie, und ihre Ordnung muss sich in einer gesunden menschlichen Rangordnung fortsetzen. Diese Ordnung aber ist durch zwei Krankheiten befallen, durch den ständigen Krieg der Menschen gegeneinander und durch das schlechte Beispiel der Mächtigen, das sie ihren Untertanen geben.“

Zustimmendes Raunen geht durch die Reihen der Schüler. Die Mandarine bleiben unbewegt, ihre Gesichter sind starr wie Masken.

Kungfutse holt tief Atem, sein Gesicht ist gerötet. Das, was er jetzt als praktische Maßnahme vorschlagen will, ist so neu und so unerhört, dass er auf schwersten Wider-stand stoßen wird.

„Der alte Erbfeind von Lu ist das Fürstentum Tsin“, sagt er entschlossen. „Beide Staaten rüsten aus Furcht voreinander und verbrauchen ihren wirtschaftlichen Reichtum durch den Aufwand an Kriegsrüstung. Auch muss die ständige Bereitschaft zum Kriege notwendigerweise eines Tages zum Kriege selbst führen. Darum schlage ich vor, unsere Kriegsrüstung abzuschaffen, die Befestigungen zu schleifen und das Tragen von Waffen in Lu zu verbieten.“

General Tsong, Befehlshaber der Truppen, springt mit zornroter Stirn auf und greift an sein Schwert.

„Wenn wir diesen Wahnsinn begehen, so werden wir in Kürze eine leichte Beute der Männer von Tsin sein!“

Der Herzog, dem man ebenfalls die Verblüffung ansieht, gebietet Ruhe und bittet Kung, seinen Vorschlag zu erläutern.

Der Meister erhebt seine Stimme zur Anklage:

„Das Töten einer Person gilt als Verbrechen und wird mit dem Tode bestraft. Diesem Grundsatz zufolge muss das Töten von zehn Personen zehnmal so ungerecht und mit dem zehnfachen Tode zu bestrafen sein; das Töten von hundert Personen muss hundertmal so ungerecht und hundertmal strafbarer sein. Alle aufgeklärten Menschen der Welt wissen das und verurteilen das Töten als ein Verbrechen, und dennoch verurteilen sie im Falle eines Krieges, in dem Tausende von Personen getötet werden, dieses Töten nicht, sondern billigen den Krieg. So wenig wissen die Menschen, was Recht und Unrecht ist.“

Wieder geht ein unwilliges Murren durch den Kreis der Berater, aber Kung lässt niemanden zu Worte kommen. Jetzt wendet er sich unmittelbar an den Herzog.

„Nun, verehrungswürdiger Fürst, gelange ich zum zweiten, der Heilung der inneren Schäden. Herrschen heißt recht tun! Wenn Ihr, Fürst, die Führung übernehmt, wer sollte es wagen unrecht zu tun?

Jeder Staat vermag in seinen Untertanen zwei Kräfte zu erwecken, die guten oder die schlechten. Ordnung schaffen heißt, die Guten erheben und ihnen Macht geben, denn den Guten gehorcht das Volk. Erhebst du aber die Schlechten, damit sie die Guten bedrücken, förderst du um der Steuer willen die Spielhäuser, die rücksichtslosen Eintreiber und die Denunzianten, lässt du um deiner Herrschaft willen der Polizei Gewalt zu schlagen und gefangen zu nehmen, so förderst du das Böse, und der Staat verfällt; denn jeder Staat ist nur so fest wie die Liebe der Menschen, die ihn trägt.

Seht, das menschliche Gemüt besitzt fünf sittliche Grundtriebe, wir nennen sie Jen, I, Li, Dschi und Hsin. Das Schriftzeichen »Jen«, das Güte bedeutet, setzt sich aus zwei verschiedenen anderen Zeichen zusammen: aus dem Zeichen für »Mensch« und dem Zahlzeichen »zwei«. Was also ist Güte? Sie ist das Verhältnis zwischen mir und dem anderen, sie ist rechtes Verhalten gegenüber dem Mitmenschen, Nächstenliebe.

Deshalb rate ich: Wenn ihr zu Hause seid, so seid höflich, wenn ihr Geschäfte über-nehmt, seid ehrerbietig, wenn ihr mit anderen Menschen verkehrt, seid treu, selbst wenn ihr es mit Barbaren zu tun habt. Das alles nenne ich »Jen«, die echte Güte.

»I« aber ist Rechtschaffenheit, sie bedeutet Duldung und Achtung vor dem Recht des Nebenmenschen. Mit »Li« bezeichne ich auch alles, was Tradition und Ritus vorschreiben: Ehrerbietung, Höflichkeit, Schicklichkeit und die Pflege der Künste. Lehre die Menschen Höflichkeit, o Fürst, und du wirst sehen, wie sie versuchen werden, sie zurückzugeben. Höflichkeit ist Bändigung der Rohheit.

Was aber versteht man unter »Dschi«? Es ist der Drang nach Wissen, der in Weisheit mündet. Niemals wird der echte Mensch im Streben nach Wissen und Tugend selbstzufrieden und genügsam sein. Von Geburt an Weisheit haben, das wäre das Ideal. Durch Lernen Weisheit erlangen, das ist das Nächste. Töricht sein und doch lernen, ist wiederum das Nächste. Töricht sein und nichts lernen - das ist die Art der Gemeinen.

»Hsin«, der letzte der menschlichen Grundtriebe, bedeutet Zuverlässigkeit oder Wahrhaftigkeit! Das Schriftzeichen besteht aus den Sinnbildern für »Mann« und »Wort«, es soll daran mahnen, dass ein Mann sein gegebenes Wort halten müsse...“

Tief verneigt sich der Meister vor dem Fürsten, der sich wortlos erhebt und nachdenklich die Audienz aufhebt.

Fünf Jahre arbeiten Meister Kung und seine Jünger an der Bändigung der schlechten Instinkte des Menschen; fünf Jahre bauen sie Dämme wider die zerstörenden Kräfte, die immer wieder aus menschlichen Herzen und Hirnen brechen.

Das Land Lu, von Rüstungslasten und Kriegsfurcht befreit, blüht auf und wird so reich, dass es den Neid der Nachbarstaaten erweckt.

Der Herzog von Tsin sucht die Macht des klugen Ministers durch ein ebenso seltsames wie wirksames Mittel zu brechen. Er schickt seinem Standesgenossen, dem Herzog von Lu, achtzig reizend gekleidete Sklavinnen, ebenso erfahren in den Künsten des Tanzes und Gesanges wie in denen der Liebe und der Verführung. Als weitere Ehrengabe über-reichen die Gesandten aus Tsin ein ganzes Arsenal von Streitrossen, Rüstungen und Schwertern.

Meister Kung erkennt die Gefahr dieser anscheinend in so nachbarlich friedlicher Absicht dargebrachten Gaben, und er beschwört den Herzog, sie zurückzuweisen. Die Tänzerinnen würden die zu Bescheidenheit und maßvoller Lebensführung bekehrten Beamten und Adeligen des Hofes zu verderblichen Vergnügungen verführen; Streitrosse und Rüstungen müssten die kriegerischen Instinkte der Ritter wecken, die Gedanken auf Eroberung und Gewalt lenken.

Aber der Herzog ist längst selbst bereit, aus der Langeweile eines nach der Ordnung geregelten Lebens auszubrechen. Die Halle der Audienzen bleibt dem unbequem gewordenen Mahner fortan verschlossen. Aus den inneren Höfen des Yamen tönen Gesang, Zimbelklang, Schalmeienton, Saitenspiel und das Lärmen ausgelassener Männer und Frauen. Die Trunkenen feiern die längst ersehnte Befreiung von den Tugendbahnen. Vor den Toren versuchen sich ehemalige Offiziere des Herzogs im Spiel der Waffen und höhnen die Schüler des Meisters.

Fünf Jahre lang hat Kungfutse versucht, die menschliche Natur zu ändern, jetzt muss er die Fruchtlosigkeit seiner Versuche erkennen.

Als er am dritten Tag immer noch vergeblich auf eine Audienz beim Herzog wartet, tritt er von seinem Amt zurück und verlässt den Hof von Lu. Gefolgt von den Treuesten seiner Freunde, wandert er ohne Ziel aus der Heimat, stromauf, ins grenzenlos weite Land China. Er zählt jetzt fünfundfünfzig Jahre und ist ohne Hoffnung.


Jahre der Enttäuschung

In grauen Strichen fällt der Regen vom Himmel, die Wolken treiben dicht über den Berg-hängen dahin. Manchmal reißt der Dunst auf, und die Kegel ferner Gipfel werden sichtbar.

In den Schluchten des Wei-ho tobt brausend das Wasser. Gelbe Fluten quirlen und schäumen um die Klippen, stürzen über Felsbarrieren, spülen dicht unter dem schmalen Treidelpfad entlang, den Generationen von Schleppern in die Bergwände getreten haben.

Auf diesem Felsensteig, der kaum Platz für zwei nebeneinander gehende Männer bietet, wandert der Meister mit seinem Gefolge. Schweigend stapfen sie unter den Wasserstürzen, die aus den Wänden und Klüften brechen. Die faserigen Bastmäntel, wie sie sonst nur von armen Kulis getragen werden, schützen nur mangelhaft vor dem alles durchdringenden Regen.

Zur Nacht finden die müden Pilger nur eine kleine, halbverfallene Hütte, in der sie mühselig ein schwaches, rauchendes Feuer entzünden können. Aus dem Halbdunkel, manchmal übertönt vom Rauschen des Regens, ertönen die klagenden Worte Kungfutses:

"Die Menschen mit ihren törichten Taten
sind ein Sinnbild für das Übel des Landes.
Sie vertrieben mich aus der Heimat.
Tod und Untergang stehen in ihren Gesichtern;
die Tugend entflieht in ferne Länder;
dorthin muss auch ich ziehen.
Ein Lebenswerk ist nun zunichte geworden,
vergessen alles, was ich lehrte,
heimatlos muss ich wandern bis zum Ende...“

Sein Lieblingsschüler Yän-hui versucht ihn zu trösten mit der Ungerechtigkeit aller Menschenschicksale:

„Oh, wie ungerecht ist das Schicksal. Einen Mann wie dich verwirft es, die Schlechten aber gehen in Seide und Gold!“

Kungfutse aber ist bereits wieder gefasst. Er ermahnt seine Schüler zur Ehrfurcht gegenüber den höheren Mächten: „Wir dürfen nicht mit dem Schicksal hadern. Der Himmel redet nicht.“

Seine Wandergenossen jedoch, durch Regen und Hunger missmutig geworden, erheben Widerspruch. Dsi-Lu macht sich zum Sprecher.

„Meister, wer sollte nicht verzweifeln in einer Lage wie der unsrigen? Der Himmel hat uns mit Wasser überschüttet, der Strom bäumt sich wider uns, die Berge blasen uns kalte Winde ins Gesicht, und weit und breit gibt es keinen Wohltäter, der unseren Hunger stille.“

„Der Edle bleibt fest in der Not“, beharrt Kung, „nur der Geringe, der in Not kommt, wird haltlos.“

Gleichmütig legt er sich auf den kalten und feuchten Boden, zieht sein Wollgewand über das Gesicht und schließt die Augen.

Wieder kriechen die Jahre dahin, zäh wie das Geschiebe des Lehms auf den Hügeln von Hsin-gan. Der Meister hat nun die Sechzig überschritten, er ist manchmal krank und häufig müde und erschöpft. Da auch im Norden des Landes kein Bleiben für ihn ist, führt die große Wanderung wieder zurück nach dem Süden bis in das Stromtal des Yang-tse-kiang. Dort überfällt Fieber den Geschwächten, und er liegt schwer krank in einer ärmlichen Bauernhütte danieder. Das Elend ist unbeschreiblich, zu Yän-hui klagt er:

„Ach, wenn mich doch einer verwenden würde! Nach zwölf Monaten schon sollte es in seinem Lande besser gehen und nach drei Jahren wäre es vollbracht!“

Auch nach seiner Genesung bleiben alle Versuche Meister Kungs, einen Protektor zu finden, ergebnislos. Die Mächtigen der Gelben Erde sind nicht geneigt, Vergnügungen, Leidenschaften und Machtstreben aufzugeben und sich den asketischen Lehren eines Gelehrten zu beugen.

Nach zahlreichen entbehrungsreichen Abenteuern bleibt für Meister Kung nur noch die Einöde der westlichen Gebirge. Nachdem er fast alle Landschaften und Gaue Chinas durchwandert hat, nähert sich die Pilgerschar den zerklüfteten Bergen Setchuans. Tobend und donnernd wälzen sich die Ströme Yang-tse-kiang und Jalung an himmelhohen Felswänden dahin. Die unwirtliche, von Wölfen, Bären und Tigern heimgesuchte Land-schaft ist nur von wenigen Menschen bewohnt.

In abgelegenen Höhlen hausen fromme Eremiten, Schüler und Anhänger des Taoismus, einsame Grübler, Magier, Asketen und Weltflüchtige. Sie nennen sich selbst die »verborgenen Weisen Laotses«.

Tief im Innern der Himmelsberge, in einem Hochtal, treffen die Schüler Kungs auf der Suche nach dem richtigen Weg die beiden berühmtesten der Laotse-Eremiten, den »Immer-Ruhenden« und den »Ganz-Untergetauchten«. Die Asketen sind in Felle gekleidet, sie zerren zu zweit den Holzpflug durch den steinigen Ackerboden.

Der »Ganz-Untergetauchte«, ein kleiner, gekrümmter, langbärtiger Greis, fragt Dsi-Lu: „Wer bist du, wohin führt dich dein Weg?“

„Ich bin ein Schüler des weisen Kungfutse aus Lu!“

Leidenschaftlich flammen die Augen des Büßers auf.

„Wir haben von ihm gehört! Ist das nicht jener Einfältige, der den Strom zu bändigen und den fließenden Löß zu dämmen versucht? So folgst du einem Meister, der die Menschen zu belehren sucht. Dir und allen anderen wäre es besser, ihr schlösset euch einer Lehre an, die Einsamkeit kündet!“

Als Dsi-Lu später dem Meister von der Begegnung berichtet, ist Kung tief bewegt.

„Ach, Laotse!“ seufzt er, „noch einmal begegnest du mir in diesen Asketen. Du hast mir Mühsal und Enttäuschung prophezeit, aber ich musste dennoch die Menschen lehren, denn Tiere und Vögel begreifen mich nicht. Spräche ich nicht zu den Menschen, zu wem wollte ich sonst sprechen. Diese Welt verlangt nach einem Rufer!“

Selbst die Stille des Gebirges stößt ihn zurück. Alles Suchen und Wandern ist vergeblich. Achtundsechzig Jahre zählt der Meister, als er beschließt, in die alte Heimat Lu zurückzukehren.

Die Kunde von seiner Ankunft verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Viel Volk läuft ihm zu, unter ihm seine Schüler, denen er einst die Ordnung des Lebens gelehrt hat. Nur die Großen des Landes, der Fürst, die Mandarine und Barone hüllen sich in Schweigen.

Der Narr am Hofe von Dsou aber trägt oft zum Spott das Kleid eines wandernden Gelehrten und singt ein neues Lied:

Phönix du! O Phönix du!
Wie ist verkümmert doch dein Leben!
Vergangenes soll man nimmer rügen,.
Zukünftiges holst du nimmer ein:
zu Ende geht's mit deinem Sang!

Kungfutse lächelt, als man ihm von dem höhnischen Narrenlied berichtet. Er weiß, dass die Jahre der Not und Wanderung nicht nutzlos waren. Mehr als sechzig Jahre alt, hat er das Maß der Dinge gefunden, er weiß nun, dass die Welt nicht durch einen einzelnen und nicht im Ablauf einer Generation zu ändern ist. Keinen Versuch unternimmt er, noch einmal als Minister oder Staatenlenker in das Getriebe der Politik einzugreifen, sondern er vertieft seine Lehre und sucht sie ans Ufer der Zukunft hinüberzuretten, indem er sie in möglichst viele empfängliche Herzen senkt.

In angespannter Tätigkeit verbringt Kungfutse seine letzten Lebensjahre. Seine vier Bücher, das klassische Schih-Ching, das »Buch der Lieder«, das Li-Chi, das »Buch der Riten«, die Sammlung Schu-Ching, das »Buch der Urkunden«, und die Geschichte des Staates Lu mit dem Titel »Frühlings- und Herbstannalen« sind vollendet. Seit einiger Zeit schreibt der Siebzigjährige an seinem »Buch der Wandlungen« - I-Ching, seinem geheimnisvollsten Werk. Es soll Ursprung und Sinn des Lebens erklären, bleibt aber in vielen Aussprüchen so dunkel, dass es selbst seine besten Schüler nicht verstehen.

Im Alter von 73 Jahren, im gleichen Alter wie sein Vater, haucht Kungfutse seine Seele aus und kehrt heim zu den Ahnen. Freunde setzen seinen Leib bei und halten sieben Tage Wache am Grabe. Schon bald errichten getreue Anhänger einen Tempel über dem Grab, hier versammeln sich die Verehrer seiner Lehre bei festlichen Gelegenheiten, sprechen über seine Lehre und spielen seine geliebte Musik. In diesem Heiligtum werden noch lange einige seiner Kleider, Hüte, Lauten und Bücher aufbewahrt.


Die Zeit nach Kungfutse und Laotse

Die Schule von Laotse verliert sich in romantischen und mystischen Schwärmereien. Während die Welt um sie herum zusammenbricht, tauchen die Jünger des Tao in dunkle Geheimnisse ein. Sie leben als Einsiedler in den Bergen, kasteien ihren Körper und versuchen durch Atemübungen und Versenkungen, Meditation und Konzentration Herr ihres Schicksals zu werden. Das Volk sieht in diesen taoistischen Asketen Zauberpriester, die mit den Mächten des Himmels und der Dämonenwelt vertraut sind. Man fürchtet die Einsiedler in den Bergen, die über allerlei Wunderelixiere und Kräuterwurzeln verfügen, die Gesundheit und ewiges Leben schenken sollen. Gegen diesen Zaubermythos, aus dem keine Erlösung kommen kann, wenden sich vor allem die Rationalisten der klassischen, am praktischen Nutzen orientierten Schule, zu denen auch die geistigen Nachfahren Meister Kungs gehören.

Einer der bekanntesten unter diesen Nützlichkeitsphilosophen ist Meister Mo-tzu. Er ist tief von Kungfutse beeindruckt, obschon er heftig gegen die praktische Unfähigkeit der reinen Kungfutse-Anhänger polemisiert und viele von Meister Kungs Lehren, die ihm als Schwärmerei und unnützer Idealismus erscheinen, verwirft. Er leugnet die sinnvolle Nützlichkeit der Riten, Zeremonien und Opfer, ja, er greift sogar die Vorliebe des großen Lehrers für Musik an.

Mo-tzus harte Kritik erwächst aus einer immer wiederholten Forderung nach praktischer Nächstenliebe.

„Was sollen uns tote Riten und schwärmerische Musik, solange das Volk an drei großen Übeln leidet!“ schreibt er schmerzvoll. „Die Hungrigen haben nichts zu essen, die Frierenden nichts anzuziehen, und die Überarbeiteten haben keine Ruhe. Kann man ihnen Kleider und Essen geben, indem man Pfeifen und Flöten spielt?“

Tief ergreifend und Ideen vorwegnehmend, die im Westen der Welt erst viel später geboren werden, sind seine Aufrufe zur Menschlichkeit.

„Handle an deinem Nächsten wie du selbst behandelt sein willst. Wenn dein Mitmensch hungert, gib ihm zu essen, wenn er friert, gib ihm Kleider, ist er krank, so pflege ihn, stirbt er, so begrabe ihn!“

Aber philosophische Systeme pflegen die Welt nicht zu ändern, besonders wenn sie, wie die Lehre Mo-tzus, durch dogmatische Strenge die Menge abstoßen und die tief verankerte Neigung der Chinesen zu Formel und Regel beleidigen.

Bessere Aufnahme findet in dieser sich auflösenden Zeit die Philosophie des aus dem Süden stammenden Weisen Yang Chu. Sie fordert das »totale Leben«, das weder durch Ehrgeiz noch durch Gewinnsucht, weder durch allzu viel Betriebsamkeit noch durch Aufbäumen gegen das Unvermeidliche und durch selbstquälerische Kasteiung gestört wird.

„Hundert Jahre“, spricht Meister Yang Chu, „sind die äußerste Grenze einer langen Lebensdauer. Dass einer hundert Jahre alt wird, kommt unter tausend Fällen nicht einmal vor. Gesetzt den Fall, es gäbe einen solchen: Die Kindheit, die er auf den Armen der Weiber verbracht, und das stumpfe Greisenalter füllen beinahe die Hälfte aus. Die Zeit, die er nachts bewusstlos im Schlafe verbracht und tagsüber wachend vertrödelt hat, beansprucht beinahe die andere Hälfte. Soll der Rest unter Krankheit, Schmerzen, Kummer und Sorge dahingehen? Vielleicht bleiben ihm zehn Jahre fröhlicher Zufriedenheit, aber selbst dabei gibt es kaum eine Stunde völliger Sorgenfreiheit. Was also ist das menschliche Leben? Worin bestehen seine Freuden?“

Er schließt daraus, dass der Mensch ein natürliches Anrecht habe, zu genießen, zu träumen und fröhlich zu sein, wann immer er dazu die Möglichkeit habe. Wahre Seelen-ruhe und Freiheit von Furcht und Schmerz erscheinen Yang Chu als höchste Erfüllung.

Es ist ein seltsames Zusammentreffen, dass fast gleichzeitig in Indien die Schule der Carvakas und in Griechenland Epikur von Samos den unbekümmerten Lebensgenuss als wahre Glückseligkeit preisen.