Ich habe mich privat auf die Matura vorbereitet und musste, auf mich selbst angewiesen, auch während der Zeit meines Rechtsstudiums an der Universität Wien Abendkurse einer privaten Schule besuchen. Zum ersten Studienabschnitt gehörten auch die Fächer Kirchenrecht und Kirchengeschichte, und der Vortragende verblüffte mich immer wieder mit seinen Ausführungen über die zahlreichen Fälschungen und das Fehlen authentischer Schriften. Mir war völlig unverständlich, wie es sein konnte, dass die Kirche Dinge als Wahrheit lehrte, die den Theologen längst als Fälschungen und Tendenzliteratur bekannt waren.
Wahrscheinlich aus Neugier besuchte ich eines Abends nach der Ersten Staatsprüfung einen Vortrag einer »Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums«, der in einem gemieteten Raum an der Universität Wien stattfand. Ich hatte damals überhaupt keine Ahnung von Sekten und glaubte daher, mit den sympathischen jungen Leuten, die zum Vortrag gekommen waren, vernünftig reden zu können. Ein junges, kaum fünfzehnjähriges liebes Mädchen wurde mir sofort als eine Art Betreuerin zugeteilt. Nach dem Vortrag folgte ich der Einladung der Gruppe zu Gesprächen und hörte mit Erstaunen, dass ein gewisser Herr Mun aus Korea als neuer Messias in die Welt gekommen sei, um das erfolgreich zu vollbringen, was Christus nicht gelungen sei. Ich merkte aber bald, dass nicht von einer Einigung der Christenheit die Rede war, sondern von einer Neuauflage unter der Führung von Herrn Mun. Als Hauptfeind galt der »böse Kommunismus«, der pauschal verurteilt und in die Hölle verwünscht wurde. Einige Passagen der von dieser Gruppe verbreiteten sogenannten »Göttlichen Prinzipien« erschienen mir geradezu kindisch und lächerlich. Bestimmte historische Darstellungen stimmten nicht mit dem überein, was ich als Student der Kirchengeschichte gelernt hatte. Ich brachte meine Einwände vor und bemerkte zum ersten Mal in meinem Leben, wie freundliche und scheinbar wahrheitsliebende Menschen andächtig zuhörten, ohne auch nur ein Wort zur Kenntnis zu nehmen.
Nach vielen Gesprächen und gemeinsamen Ausflügen nahm mich der Chef der Gruppe mit in sein Zimmer und erklärte mir, dass nun die Zeit der Entscheidung gekommen sei. Er forderte mich auf, mich der Gruppe anzuschließen und für sie zu arbeiten oder in Zukunft auf weitere Besuche zu verzichten. Diese unmenschliche Aufforderung zur geistigen und körperlichen Sklaverei überraschte mich sehr und schockierte mich unbeschreiblich. Erstens kam ich aus den Bergen - meine Eltern waren Bergbauern - und hatte keine Ahnung von dieser besonderen Art der Brutalität, zweitens gefiel mir das Mädchen und ich wollte es nicht verlieren.
Ich ahnte schon damals, dass Mun als neuer Messias nicht ungefährlich war. Er sprach zwar in jedem Atemzug von Liebe, aber seine Liebe endete offensichtlich bei Andersdenkenden, vor allem bei den Kommunisten, die er als neue böse Macht empfand. Wenn Menschen im Sinne dieser neuen Sekte dachten, dann waren sie gut und nützlich, wenn sie anders dachten - vielleicht sogar kommunistisch! - dann waren sie böse und satanisch. In mir begann jener Satz zu hämmern, den ich irgendwo gehört hatte: »Willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein!« Nein und nochmals nein, um keinen Preis würde ich meine Seele verkaufen!
Damit begann meine Suche nach der Wahrheit. Weitere schmerzliche Enttäuschungen folgten, ich änderte sogar meine Zukunftspläne und brach mein Jurastudium ab. Viele Jahre lang suchte ich dann im Irrgarten der verschiedensten Glaubenslehren und studierte alle möglichen Fächer, bis mir endlich klarer wurde, warum die Menschen wie im Nebel durch diese Welt irren, die Wahrheit nicht finden und nicht einmal wissen, was sie sind, woher sie kommen und wohin sie nach ihrem irdischen Ableben gehen.
Zuerst verbrachte ich viel Zeit in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Die Sektenmitglieder hatten mir von spirituellen Erfahrungen vorgeschwärmt und behauptet, man könne mit den Toten sprechen. Sie haben ein paar Tage gefastet und etwas erlebt. Ich versuchte es natürlich auch und nach drei Tagen Nahrungs- und Flüssigkeitsentzug entdeckte ich Kräfte in mir, die sich irgendwie drehten. Ich fühlte ganz deutlich, wie einige von ihnen viel größer waren als der Körper und wie sie ein- und austraten, so dass ich aus der Zeit zwischen dem Verlassen und dem Wiedereintritt in den Körper ihre Größe erahnen konnte. Erst später erfuhr ich, dass diese Kräfte im fernöstlichen Denken »Chakren« genannt werden.
In der Nationalbibliothek fand ich genügend Bücher über den geistigen Verkehr mit dem Jenseits. Einige Bücher schienen mir gar nicht von Spinnern geschrieben zu sein, sondern waren in einem offenen und aufrichtigen Geiste verfasst. Insbesondere fand ich einen sogenannten Tatsachenbericht, der mich schnell in seinen Bann zog, weil er mir so liebenswürdig, offen und aufrichtig erschien und weil er die Frage nach der Entstehung und dem Sinn des Lebens wissenschaftlich beantwortete. Ich besuchte den Herausgeber, einen älteren Herrn, bei dem ich bald erkannte, dass er unmöglich der Verfasser des Tatsachenberichtes sein konnte. Also besuchte ich das sogenannte Medium, einen über achtzigjährigen Herrn, der in Wien Straßenbahnfahrer gewesen war. Er war ein freundlicher Mann, der mir erzählte, wie er zum Medium ausgebildet worden war und wie man ihn lange Zeit als Schreibmedium benutzt hatte. Er beschrieb, wie seine Hand nachts ohne sein Zutun zu schreiben begann und wie er am Morgen viele Seiten geschrieben hatte, über deren Inhalt er sich nur wundern konnte. Ich bin überzeugt, dass auch er diesen Tatsachenbericht nicht aus eigenem Antrieb geschrieben haben kann.
Der Verfasser des Tatsachenberichtes gab an, Johannes zu heißen und ein Jünger Christi zu gewesen sein. Er sei von den jenseitigen Wesen, insbesondere von den Jüngern Christi, beauftragt worden, den Tatsachenbericht für die Menschheit zu verfassen und durch das Medium zu übermitteln. Er erklärte, dass Christus den Gott der Juden als böse bezeichnet habe und deshalb von ihnen verfolgt worden sei. Alle Aufzeichnungen der Jünger Christi seien von den Fälschern vernichtet und durch irreführende Behauptungen ersetzt worden. Was Christus wirklich gelehrt und gesagt habe, habe er, Johannes, in seinem Tatsachenbericht festgehalten.
Je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr zog mich der Tatsachenbericht in seinen Bann. So wurde zum Beispiel behauptet, Christus sei von den Essenern und nicht von den Juden gekommen. Tatsächlich wurden einige Jahre nach dem Tatsachenbericht in Qumran am Toten Meer zahlreiche Schriften gefunden, die darauf hinwiesen, dass Christus von den Essenern abstammte!
Alles wäre gut gegangen und ich wäre vielleicht ein glühender Verfechter des Tatsachenberichts geworden, wenn ich ein wenig mehr auf Glauben geprägt gewesen wäre. Aber so konnte ich nicht aufhören, über jede unklare oder offensichtlich falsche Aussage nachzudenken. Zu meiner Überraschung fand ich sogar einen zweiten Tatsachenbericht, der in einigen Kapiteln deutlich von dem ersten abwich. Wie konnte es - um Himmels willen! - zwei verschiedene Versionen eines Tatsachenberichtes aus dem Jenseits geben? Naiv, wie ich damals war, konnte ich diese Tatsache nicht verdauen. Es kostete mich ungeheuer viel Zeit und innere Unruhe, bis ich eines Tages in einem Anfall von Verzweiflung den ganzen Tatsachenbericht in den Ofen warf.
Ich konnte zwar das Buch im Ofen entsorgen, aber nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Die Gedanken wirkten weiter, und ich musste sie immer wieder überdenken und überprüfen, bis es mir endlich gelang, die Widersprüche zu verstehen, das Gute zu behalten und das Enttäuschende zur Kenntnis zu nehmen.
Nicht allzu lange nach Beendigung des Rechtsstudiums und einige Jahre vor dem Verheizen des Tatsachenberichts wurde ich Erzieher in einer Anstalt für Schwererziehbare, um im Geiste des Tatsachenberichtes »Gutes zu tun«. Auch in diesem Beruf fand ich mich bald zurecht und studierte eifrig die Lebensläufe der Kinder und Jugendlichen, die in diesem Heim untergebracht waren. Eine weitere Enttäuschung reifte mit der Erkenntnis, dass es unmöglich war, Kinder und Jugendliche in einem solchen Heim zu erziehen. Wie konnte man Hunderte von Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Familienverhältnissen in einem kasernenartigen Gebäude unterbringen und mit viel zu wenigen Erzieherinnen und Erziehern betreuen? Waren die Erzieherinnen und Erzieher nicht überfordert? Konnten sie den Kindern und Jugendlichen auch nur annähernd die Geborgenheit geben, die sie für eine einigermaßen befriedigende Entwicklung brauchten? Einmal habe ich es gewagt, einen Erzieher zu fragen, warum er erst zehn Minuten vor Dienstschluss zum Nachtdienst gekommen sei? Er hielt es aber nicht für nötig, einem jungen Erzieher wie mir eine Erklärung zu geben, worauf ich einen Eintrag ins Dienstbuch machte, zumal derselbe Erzieher gerne unmögliche Bemerkungen über die Jugendlichen machte. Die Heimleitung war entzückt über meinen vermeintlichen Mut, die anderen Erzieher waren empört und begannen mich, den sie vorher den »lieben Herrn Sauerschnig« genannt hatten, filmreif zu ignorieren. Mein Pech war, dass ich nicht wusste, dass der Erzieher, den ich im Dienstbuch notiert hatte, mit Kollegen Karten gespielt und getrunken hatte.
Um eine Erfahrung reifer, verabschiedete ich mich vom Erzieherberuf und machte mich selbständig in einem Beruf, den ich vorher nie ausgeübt hatte, für den ich aber damals aufgrund der Reifeprüfung die Gewerbeberechtigung erhielt. Ich gründete eine Vervielfältigungsanstalt, begann mit Schreibarbeiten aller Art, kaufte nach und nach Druckmaschinen, Kopier- und Setzgeräte und sogar eine Reprokamera. Als ich nach einigen Jahren auch noch einen Computer kaufte und begann, die Programme wie selbstverständlich selbst zu schreiben, ergab es sich, dass andere Firmen mich baten, ihre Programme zu verbessern oder neue zu schreiben. Als ein Händler die Absicht äußerte, meine Programme sogar auf einer Büromesse anzubieten, wechselte ich wieder den Beruf und baute im Waldviertel ein Softwarehaus auf.
Ich programmierte nicht nur, sondern verkaufte auch Hardware und hielt in einer Maturaschule Computerkurse ab. So beschäftigte ich mich also auch mit dem Aufbau von Computern, ihren Funktionen und Basisprogrammen und begriff immer mehr, was es bedeutet, Ideen zu haben und mit diesen ein Gerät zum Leben zu erwecken. Ich verglich die Programme mit biologischen Prozessen und stellte eine gewisse Ähnlichkeit fest. So vertiefte ich mich immer mehr in das Studium der Biologie und auch der Physik, um die Zusammenhänge zu verstehen.
Schon bald nach Beginn meiner Suche nach der Wahrheit begann ich mich intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wie verschiedene Weltsysteme nebeneinander existieren können. Wenn es ein Jenseits gibt, so sagte ich mir, dann muss es auch eine Antwort auf die Frage geben, wie zwei oder mehr Weltsysteme nebeneinander existieren können. Damals war ich aber noch sehr von den Gedanken des Tatsachenberichtes geprägt und noch nicht in der Lage, die Dinge klarer zu sehen.
Der Tatsachenbericht beschrieb eindrucksvoll, dass alles Geist sei, wobei man sich Geist als eine Kraft (Energie) vorstellen müsse. Auch viele andere Berichte und Abhandlungen gingen davon aus, dass alles Geist sei. Einstein bestätigte indirekt eindrucksvoll die jenseitigen Theorien, die davon ausgingen, dass die Materie (Masse) nur eine Form von Energie (des Geistes) sei. Erst sehr viele Jahre später habe ich begriffen, dass Energie ebenso wie Raum, Farben und Formen nur Wirkungen des Geistes sein können.
Heute bin ich mir sicher, dass alles Geist ist und dass alles Seiende auf Willensäußerungen des Geistes beruht.
Den Glauben an eine Existenz eines allwissenden und allmächtigen Gottes (wie dies Jahwe von sich behauptet) begrub ich mit zunehmendem Zweifel an der Richtigkeit des Tatsachenberichtes. Vor allem wurde mir klar, dass es unmöglich ist, viele Vorgänge nebeneinander bewusst zu erfassen. Man stelle sich einen besonders intelligenten Menschen vor und stelle ihn neben einen einfachen Menschen. Was ist der Unterschied zwischen den beiden? Der Unterschied besteht darin, dass der besonders aufnahmefähige Mensch ideenreicher handeln kann als derjenige, dem die Ideen nicht so recht kommen wollen. Aber beide können sich immer nur mit einer Sache beschäftigen. Lesen, schreiben, singen, fernsehen, kochen, Tiere beobachten usw., das kann nicht einmal der hoch-intelligente Mensch gleichzeitig!
Dass es mehr gibt als das, was wir wahrnehmen, wurde mir besonders durch folgendes persönliche Erlebnis bewusst: Eines Tages fuhr ich mit Christine und ihren beiden Kindern nach Amaliendorf. Christine lenkte das Auto und ich saß vorne neben ihr. Plötzlich hatte ich das ganz starke Gefühl, dass wir mit einem Auto zusammenstoßen würden, obwohl ich kein Auto sehen konnte. Und siehe da - kurze Zeit später tauchte ein Auto auf unserer Straßenseite auf! Erst kurz vor dem Zusammenstoß konnte der entgegenkommende Fahrer ausweichen und den Zusammenstoß verhindern. Wie konnte ich das Gefühl haben, dass uns ein Fahrzeug bedroht? Eine Illusion konnte es nicht gewesen sein, denn Christines Sohn erzählte mir später, dass auch er ein ähnlich merkwürdiges Gefühl gehabt hatte.
Besonders beeindruckt haben mich auch bestimmte Träume. In den ersten Jahren, in denen ich intensiv nach der Wahrheit suchte und Fragen hatte, träumte ich oft die Antwort und wachte zu einer ganz bestimmten Zeit auf. Es kam sogar vor, dass ich nicht aufwachte, sondern durch ein anderes Geräusch - zum Beispiel das Rufen eines Kindes - wach wurde. Ein Blick auf die Uhr zeigte wieder die gleiche Zeit, auf die Minute genau! Eines Tages hatte ich wieder ungelöste Fragen und träumte - aber siehe da, ich träumte, dass ich nicht mehr solche Träume erhalten würde und nun meinen eigenen Weg gehen müsse. Seitdem träume ich solche Träume nicht mehr und wache auch nicht mehr um diese Zeit auf, obwohl ich es mir oft gewünscht habe.
Das sind natürlich persönliche Erlebnisse, aber sie könnten durchaus wissenschaftlich ernst genommen werden. Ich bin davon überzeugt, dass viele Menschen spirituelle Erfahrungen verschiedenster Art machen, aber darüber schweigen, weil sie sich nicht lächerlich machen wollen.
Ich habe im Fernsehen gesehen, wie einem Schamanen die Zunge abgeschnitten wurde und sie ihm wieder nachgewachsen ist. Über glühende Kohlen zu gehen, ohne sich die Füße zu verbrennen, ist vielleicht auch kein Beweis für die Existenz des Geistes. Aber all diese Tatsachen und Erfahrungen sind deutliche Hinweise darauf, dass es mehr gibt, als wir heute zuzugeben bereit sind.
Als Unternehmer habe ich im Laufe der Jahre viele Mitarbeiter beschäftigt und als Programmierer Einblick in Hunderte Betriebe gewonnen. Ich habe die Stärken, aber auch die Schwächen und Fehler der Menschen kennengelernt und das Geschäftemacherei ausgekostet. Ich habe versucht, einfach zu bedienende und selbsterklärende Programme zu schreiben, um den vielen Menschen im kaufmännischen Bereich zu dienen. Dabei lernte ich die Grenzen und die Flut von Gesetzen kennen, die für eine Gesellschaft wie diese geschaffen werden müssen. In einem Staat, in dem jeder versucht, das Beste für sich herauszuholen, wird es trotz des großen technischen Fortschritts nie genug geben, der Staat wird immer zahlungsunfähig werden. In einem Gemeinwesen, in dem die Starken versuchen, noch stärker zu werden, indem sie ihr Vermögen gut anlegen und ohne eigene Kraft arbeiten lassen können, in einem Gemeinwesen, in dem die Menschen ihre Grenzen markieren können, die niemand ohne Erlaubnis überschreiten darf, wird es immer Privilegierte und Benachteiligte, Arme, Hungernde und Verhungernde geben. Wenn es den Reichen erlaubt ist, durch Spekulation und nicht durch Arbeit noch reicher zu werden, wenn Menschen mit gewissen Möglichkeiten ihr Geld schnell vermehren können, während andere für ihre Arbeit einen Pappenstiel erhalten, dann wird es immer Regionen, Kontinente und Bevölkerungsschichten geben, die in Armut, Elend und am Rande des Verhungerns »leben« müssen. In einer so ungerechten Welt entstehen immer wieder neue Ideologien, die für sich das Recht in Anspruch nehmen, anderen ihre Vorteile mit Gewalt zu nehmen.
Es ist allen nicht primitiven Menschen klar, dass ein Zusammenleben nur in wahrem Geist und in Liebe möglich ist. Niemand braucht aufzustehen und zu schreien, wie schlecht und böse die Menschen sind und wie unfähig zur Liebe. So einfach ist es nicht. In einem Paradies mag es leicht sein, Halleluja zu singen und den ganzen Tag zu strahlen, aber hier auf Erden finden wir Verhältnisse vor, die uns oft mehr zum Weinen als zum Singen bringen.
Viele unserer großen Probleme haben ihren Ursprung in den Naturgesetzen dieser Welt, in die wir hineingeboren werden. Hilflos, den Eltern ausgeliefert, kommen wir hier an und müde und erschöpft verlassen wir diese Welt wieder. Zwischen Ankunft und Abschied aber arbeiten wir uns hoch, suchen Halt, Anerkennung und eine gewisse Befriedigung unserer Wünsche.
Als Vater und Erzieher habe ich nie böse Kinder erlebt, nur Erwachsene mit Bergen von Vorurteilen. Vielleicht gibt es wirklich böse Kinder und vielleicht sind manche Menschen von Natur aus böse, ich persönlich habe das nie erlebt. Die so genannten Schwererziehbaren, mit denen ich eine Zeit lang zusammenlebte, waren Problemkinder, weil sie unter unzumutbaren Bedingungen aufgewachsen waren; sie waren für mich kein Beweis dafür, dass der Mensch von Natur aus böse ist, dass er mit einer Erbsünde geboren wird, wie uns die Kirche unterstellt.
Unsere Vorurteile gehen bis ins Detail und wir erkennen sie oft nicht als solche. Was da alles so sein muss oder sein soll, schreit zum Himmel und macht die Kinder zu dem, was später die Erwachsenen werden. Sie fangen an, allen möglichen Unsinn zu glauben und schleppen einen Rucksack voller Vorurteile mit sich herum, bis so mancher unter ihnen zusammenbricht.
Was uns alles so wichtig ist! Die Leiter der Zwänge beginnt mit der Geburt und endet erst mit dem Tod. Wie viel Wissen müssen die Kinder aufnehmen! Wenn sie nicht begabt genug sind, bekommen sie schlechtere Noten, als wenn ein Kind mit geringeren intellektuellen Fähigkeiten schlechter wäre als ein von Natur aus begabteres. Statt die Fähigkeiten zu fördern, überschütten wir die Kinder mit Wissen, das ihnen den Einstieg in die nächste Stufe der Zwänge, den Beruf, erleichtern soll. Und dann geht es erst richtig los! Produzieren, Geld verdienen, Umsatz steigern, Produktivität erhöhen, Steuern zahlen, die Konkurrenz austricksen, modernisieren, automatisieren, größer und größer und größer werden bis zum Wahnsinn! Wer nicht gut genug ist, wird aussortiert, mit Arbeitslosengeld vertröstet oder wie eine kaputte Lokomotive aufs Abstellgleis geschoben.
Seit uns Darwin eindrucksvoll vor Augen geführt hat, dass die Evolution auf einem erfolgreichen Kampf ums Dasein beruht, haben die Starken und Gewieften geistige Nahrung und Bestätigung erhalten, dass man in diesem Überlebenskampf alle Register ziehen darf, die Vorteile bringen. Das Vorteilsdenken wucherte wie Unkraut, und heute ist es selbstverständlich, dass jeder auf seinen Vorteil bedacht ist. Wann immer wir etwas tun, fragen wir uns, welchen Vorteil wir davon haben. Jeder verkauft sich so gut er kann, jeder nimmt vom Staat, von der Gemeinschaft, was er kriegen kann.
Wenn sich das schlechte Gewissen meldet, werden viele zu wahren Künstlern der Verdrängung und Umdeutung. Sie stellen Theorien auf und rechtfertigen, was zu rechtfertigen ist. Viele nehmen Orden und Titel an, orientieren sich an vermeintlichen Vorbildern, an Menschen, die in schönen Villen wohnen, Yachten fahren, schöne Kleider tragen und pro Tag mehr ausgeben als viele Familien im ganzen Jahr.
Was soll die Behauptung, wir lebten in der besten aller möglichen Welten?
Tatsache ist, dass diese Welt alles andere als die beste aller möglichen Welten ist, sondern eine grausame und harte, die uns zu abstoßenden und ekelhaften Verhaltens-weisen zwingt. Gibt es etwas Schlimmeres als die Tatsache, dass ein Lebewesen nur auf Kosten des Lebens eines anderen existieren kann?
Christus sagt dazu im Tatsachenbericht schöne Worte: »Ein Lebewesen dient dem anderen in der Nächstenliebe«. Schöne Worte vielleicht für den Fresser, aber sicher nicht für den Gefressenen!
Ich wehre mich einfach dagegen, dass wir uns ständig irgendwie in die Tasche lügen und so als große und kleine Heuchler durchs Leben gehen. Nehmen wir die Tatsachen, wie sie sind, und verschleiern wir sie nicht ständig mit allerlei großen und kleinen Lügen, die alles nur noch schlimmer machen!
Viele reden von Wahrheit und meinen das, was sie selbst darunter verstehen. Viele reden von Gerechtigkeit, meinen aber das, was ihnen gefällt. Viele glauben an Gott, aber der geglaubte Gott ist ein Gott ihres Glaubens. Er soll so sein und handeln, wie sie selbst es für gut und richtig halten.
So ist es möglich, dass ein geistiger Sumpf und ein Unwissen über das Leben entstehen, aus dem es schier kein Entrinnen zu geben scheint. Wahrheit hat aber zunächst vor allem mit Wahrhaftigkeit zu tun, mit Aufrichtigkeit, Offenheit und Nächstenliebe. Wenn wir den Hintergründen des Lebens wirklich auf die Spur kommen wollen und uns nicht mit Glaubensvorstellungen aller Art - auch seien sie noch so wissenschaftlich verpackt - begnügen wollen, dann müssen wir uns zuerst wahrhaftig verhalten, unsere Vorurteile abbauen und uns selbst erkennen.
Nach meiner langjährigen Suche nach der Wahrheit bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass nicht alles auf dieser Welt Zufall ist. Aber wir werden den Sinn des Lebens erst dann verstehen und Einsicht in die geistigen Vorgänge gewinnen, wenn wir beginnen, den Geist und uns selbst zu verstehen, wenn wir uns von der jetzigen geistigen Ebene verabschieden und uns der Wahrheit und der Nächstenliebe zuwenden.