In meinem Lexikon finde ich den Hinweis, dass Buddha ein indischer Religionsstifter war, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, als ob Buddha einen Glauben gelehrt und eine Religion gestiftet hätte. Tatsächlich waren Männer wie Buddha, Kungfutse und Laotse Sucher der Wahrheit und Menschen mit einem großen Herzen. Keiner von ihnen hat einen Gott gelehrt oder gar einen Glauben verlangt. Jean-Michel Varenne sagt in seinem Buch »Zen«, dass „der Buddhismus eine Religion ohne Gott ist. Die Suche Gautamas ist durch und durch menschlich. Sie beruht nicht auf einem göttlichen Auftrag oder irgendeiner Prophezeiung. Ihre Befreiungsbotschaft basiert nicht auf einer transzen-dentalen Autorität, sondern wendet sich an die Menschen im Hier und Jetzt. Die buddhistische Suche wurzelt im gewöhnlichen Leben, ohne sich auf irgendeinen über-natürlichen paradiesischen Zustand zu beziehen.“
Das Wort Glauben fand ich in keinem seiner Aussprüche, wohl aber immer wieder Wörter wie Suchen und Erkennen. In Buddha brannte das Verlangen nach Wahrheit, er sehnte sich nach der Erklärung der Rätsel des Lebens und nach der Befreiung vom Rad des irdischen Daseins, an dem er sich und seine Mitmenschen angekettet empfand.
Viele Jahrhunderte vor Christus bildeten in Indien die eingewanderten Arier ein Kastenwesen aus, möglicherweise, um sich von der dunkelhäutigen Vorbevölkerung abzuheben. Damals gab es die vier Kasten der Krieger, der Priester (Brahmanen), der Bauern und der Nichtarier. Ihr Wissen gaben sie in einer gehobenen, dichterischen Sprache, dem Sanskrit, weiter. Die Arier nannten dieses heilige Wissensgut die »Veden«. Aus der Religion der Vedenzeit entwickelte sich sodann langsam der Brahmanismus oder Hinduismus.
Das vielfältige Dasein seines Landes lehrt den Hindu, dass nicht alle Wesen von Geburt an gleich sind. Eine unendliche Stufenleiter des Daseins steigt von den niedrigsten Menschen zu den höheren, zu Kriegern, Königen, Heiligen und Priestern und endet, über tausend Stufen sich empor ringend, im Turmbau der Götter. Je mehr sich Menschen in ihrem Leben der höchsten Reinheit in Gedanken, Worten und Taten befleißigen, umso näher stehen sie dem Bereich der Himmlischen.
Das Weltengesetz, nach dem sich jedes Wesen zu richten hat, ist die höchste Norm für das natürliche und sittlich geläuterte Leben, das der jeweiligen Daseinsstufe eines Geschöpfes entspricht. Man nennt dieses Gesetz Dharma.
Aus diesem Grunde hat jede Klasse von Menschen ihre ganz bestimmten, von religiösen Vorschriften beherrschten Bräuche, Gebote und Verbote. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles ist in Regeln festgelegt, die Grundlage aller Bräuche aber ist schlechthin und einfach die Religion. Aus diesem Grunde halten die Hindus all ihre Bräuche für unverletzlich; denn sie sind zutiefst religiös.
Gegen Ende der Eroberungs- und Wanderungszeit hat sich neben der deutlich hervorragenden Stufe der Brahmanen und der Stufe der adeligen Krieger, der Kshatriyas, die dritte Stufe, die der bäuerlichen Gemeinfreien, der Vaishyas, der Ackerbauern und Gewerbetreibenden, herausgebildet. Das Volk gliedert sich in Kasten, von denen jede ihren ganz bestimmten Teil am Dharma zu erfüllen hat. Unter den drei Hauptkasten lebt die Masse der Unterworfenen, die vierte, missachtete und »unreine« Schicht der Shudras, die man später auch Parias nennen wird.
Da das Dharma nach brahmanischer Auffassung ein von den Göttern begründetes Naturgesetz ist, gibt es kein Ausbrechen aus dieser Ordnung. Durch örtliche Gliederung, Vermischung innerhalb der Kasten, Aufteilung der Tätigkeiten und weitere Spaltung wuchert zwar im Laufe der Jahrhunderte aus den vier Feldern der Kasten allmählich das Gestrüpp zahlreicher Unterkasten; doch die soziale Trennung - vor allem die schroffe Kluft zu den fremdrassigen Drawidas - bleibt. Es gibt keine Brücke zwischen den Eingewanderten und den Ureinwohnern. Heirat ist verboten, selbst gemeinsames Essen muss unterbleiben. Fällt der Schatten eines Paria auf das im Topf brodelnde Essen eines arischen Bauern, so entfernt dieser das Gefäß und gibt die Nahrung den Tieren.
Die Angehörigen höherer Kasten nähern sich dem Glauben an einen einzigen Gott, während das einfache Volk an unzählige Götter und Dämonen glaubt. Für die Angehörigen höherer Kasten sind alle Wesen, Tiere, Menschen, Dämonen, Engel und niedere Götter, einem einzigen, rein geistigen Wesen untertan. Die einen nennen dieses Wesen Wischnu, die anderen Schiwa. Weder Wischnu-Anhänger noch Schiwa-Gläubige sind unduldsam, sie ertragen sich gegenseitig und erkennen an, dass es Schiwa, Wischnu und Brahma und die anderen Götter gibt, nur ist für jede Gruppe ein anderer Gott der allumfassende Weltengeist.
Die Einzelseele, der Atma, erscheint allen Religionsrichtungen als Teil des großen, über-persönlichen Brahma - der Weltenseele. Die Lösung aus den vielfältigen Fesseln von Daseinsform, Schicksal und Schein vollzieht sich in tausendfältiger Existenz, geht über die endlose Stufenleiter der Wiedergeburt. Es entwickelt sich als letzte Sammlung innerhalb der Veden die mystische Lehre der Upanishaden, in denen die veränderte religiöse Glaubenswelt ausgebreitet wird.
In den getragenen Versen dieser priesterlichen Geheimlehren wird erläutert, wie die auf den unzähligen Daseinsstufen lebenden Wesen einen zweigeteilten Körper haben: den irdischen, materiellen und den ätherischen Leib, der die Seele auf ihrer Wanderung durch das Weltzeitalter ihrer Erlösung begleitet, während der stoffliche Körper stirbt und jedes Mal von neuem geboren wird.
Immer vielfältiger und verzweigter gestaltet sich das geistige Leben Indiens. Die Bauern und Handwerker leben in der Furcht vor den Geistern und Göttern, sie klammern sich an ihre Vorschriften, Kastengesetze und altüberkommenen Riten, sie opfern in den heiligen Höhlen, auf den Hügeln mit den holzgeschnitzten Tempeln oder an den Lotosteichen, sie verehren Tiere, Bäume und Berge und fühlen sich verloren im wirbelnden Kreis des Überirdischen, sie wohnen an den Abgründen der Zauberei, der Beschwörung und der Magie. Viele Denkende, Suchende und Ringende aber - Brahmanen, Dichter, Fürsten, Ritter oder Kaufleute - lösen sich von allem, was ihr bisheriges Leben erfüllt hat und gehen in die Einsamkeit der Gebirge oder Wälder. Sie werden zu Asketen, zu Heiligen mit der Bettelschale; denn nicht der Opferdienst der Priester, nicht das ehrgeizige Tätigsein inmitten der Menschenwelt führt heraus aus dem tödlichen Kreislauf der Geburten, sondern einzig die Meditation, das Entsagen, Nachsinnen, Vergeistigen.
Sie alle suchen die Erlösung. Das Dasein mit seinen Widersprüchen schmerzt diese verfeinerten, kampfmüde gewordenen Menschen. Das einzige, wonach ihr Herz begehrt, ist das lächelnde Eingehen in die ruhende Weltseele, die Selbsterlösung.
Auf allen Straßen wandeln heilige Büßer durch die Länder und lehren die tausend Wege zum Göttlichen - doch jeden dieser Wege muss der Mensch selber gehen.
Um die Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts gibt es in Nordindien, zwischen Peshavar - der Hauptstadt des Gandharalandes - und Ujjain, sechzehn Arya-Staaten, von denen die Königreiche Magadha und Kosala die bedeutendsten sind.
Im Nordosten, unter der Gebirgswelt des Himalaja, liegt das Land der Sakya, der hellhäutigen, hochgewachsenen Menschen. Die reichen Adels- und Kaufherrenfamilien der Sakyas verbringen die warme Jahreszeit in lieblichen Hainen, in luftigen Pavillons und am Ufer blumenumrankter Teiche.
In einem dieser Parks - die Besitzung Lumbini - wird um 560 v. Chr. dem Sakyafürsten Shuddhodana und seiner Gemahlin Maya das Kind Siddharta Gautama geboren. Der Knabe, dessen Mutter früh stirbt, wächst unter der Obhut einer Nebenfrau seines Vaters auf. Der Schauplatz seiner Kindheit wechselt zwischen der Residenzstadt Kapilavastu und der weiten, fruchtbaren Parklandschaft des Landesinnern. Der Sakyahof von Kapilavastu ist wie all die anderen Höfe der Zwergstaaten ein Mittelpunkt der Geisteskultur. Die Beamten sind Dichter oder Philosophen, man schart sich um Sänger, welche die Verse der Veden oder Heldenlieder aus der Eroberungszeit vortragen, um geheimnisvolle Heilige, um Vorleser aus religiösen Lehrbüchern.
Die ersten Eindrücke von fortwirkender Kraft im Dasein des Fürstensohnes Siddharta sind die tiefsinnigen Märchen. Siddharta ruht mit untergeschlagenen Beinen auf den Kissen im teppichbelegten, reichbemalten Gemach des Vaterhauses und hört den Worten des Erzählers zu:
„Und der Minister, der ein Weiser war, redete dem König, der sich an die Freuden des Daseins verloren hatte, zu, eine Wallfahrt zu machen, da nahm der König Urlaub und ging auf Pilgerfahrt. Als er am Meeresufer dem Meergott seine Verehrung bezeigt und sich niedergesetzt hatte, da sah er aus dem Meere einen Baum mit goldenem Stamm, mit Ästen aus Juwelen voll von Zweigen und Sprossen hervorkommen, auf dem Baum - in den Kissen eines Palankins sitzend - eine herrliche Jungfrau mit einer Laute in der Hand, die drei Verse sang:
»Den Samen, den einer gesät hat im Lande der Taten, gut oder schlimm, den erntet er nach ewigem Gesetz. Vom Schicksal abhängig ist die ganze Welt samt Göttern, Geistern und Menschen. Und die Werke, die man in einer früheren Geburt sich erworben, gut oder schlimm, die sind bei allen Menschen die Ursache für Wiedergeburt oder Vernichtung...«
Als die Meerjungfrau dies gesungen hatte, verschwand sie, wie sie aufgestiegen war, in den Fluten der See. Der König aber kehrte zu seiner Stadt zurück...“
Feierlich und getragen tönt die Stimme des Erzählers, der Knabe Siddharta aber lauscht den Versen der Meerjungfrau nach. Was hat aller Lebensgenuss für einen Sinn, wenn am Ende doch der unvermeidliche Tod steht? Was bedeutet es, Prinz zu sein, ein reiches Haus zu haben und mit Juwelen zu spielen, wenn sich doch aus der Summe der Taten, Gedanken und Erlebnisse nur eine neue Wiedergeburt formt?
Aber der Knabe ist jung, ein Kind, das sich freut an der Wiederkehr des Frühlings, das die Üppigkeit und Pracht des Sommers und die erlösende Kühle des Winters empfindet. Vor den Toren der Stadt Kapilavastu liegen Reisfelder, die, vom reichlichen Wasser der Himalajaberge getränkt, zwischen Kanälen, Schleusen, Wäldern und Hainen Frucht tragen. Wenn die Regenzeit vorüber ist, ziehen die Sakya in diese Landschaft hinaus. Die langhornigen Zebuochsen schreiten unter dem Nackenjoch, die hölzernen Pflüge reißen die dampfende Erde auf.
Siddharta liegt unter dem Elefantenbaum, die Sonne zaubert Lichtperlen ins Laub, Bienen und Käfer summen im Gezweig. Gräser wogen sanft im Frühlingshauch, und von der mütterlichen Erde strömt kraftvoll Leben empor.
Ein Gefühl des Einsseins mit allem Seienden ergreift den jungen Siddharta. Er möchte sich ausstrecken, Erde, Gras und Baum, Wolken, Wind und Berge, Tiere und Menschen umfangen und sich auflösen in der großen Stille des Alls. Wenn er schweigend ins Laub der Bäume oder ins Blau des abgrundtiefen Himmels starrt, tauchen die Fragen auf, die Priester und Heilige an den langen Abenden der Regenzeit mit schwierigen Gleichnissen zu beantworten suchen: Was ist der Sinn dieses Lebens, wohin treibt der Weg, was steht als Ziel hinter allem Dasein?
In diesem Lande ist alles Religion, das Geheimnis der Ewigkeit beherrscht jede Lebensform. Aber es gibt keine wirklich zwingende und allgemeine Lehre. Die Bauern, die dort pflügen, verehren neben unzähligen Dämonen Schiwa, den Dreiäugigen, der auf dem Himalaja thront und den Menschen Vernichtung oder Befruchtung bringt, Kali, seine tausendarmige Gattin, oder den weisen Gott mit dem Elefantenkopf. Die Brahmanen in dem kleinen Holztempel auf dem Hügel glauben an die Weltseele Brahma und den Kreis der Gottheiten, der Brahma umgibt. Sie reden im altertümlichen Sanskrit und kennen alle Verse der Veden.
Auch Siddharta ist durch seine Erzieher mit den drei Stufen der vedischen Götter-lehre bekannt gemacht worden: mit Mantra, dem Gottesdienst, Brahmana, der Theologie, und Sutra, der Anleitung.
Er schließt die Augen, um sich tief in die Welt dieses Glaubens zu versenken: Vielleicht ist Brahma, die Weltseele, das Ziel, und das Eingehen in sie ist der Weg zur Erlösung. Über tausendmal tausend Stufen des Alls steigen die göttlichen Kräfte des Brahma auf und nieder, je nach Verdienst, Vollendung und Reinigung oder Sünde, Bindung und Schuldverstrickung.
Noch immer kauert der Knabe Siddharta unter dem Elefantenbaum. Er sieht das pulsierende Dasein ringsum in neuem Lichte, das Wuchern der Pflanzen, das Strahlen und Atmen von Erde und Himmel, das Summen der Bienen und den schweren Schritt des Zebus vor dem Pflug. All das ist ein geheimnisvoller Akkord vielfältiger Stimmen. Man muss Brahma, dem All-Einen und Geistigen, zustreben, muss sich stufenweise loslösen vom Stofflichen und Sterblichen, um Ruhe und Sicherheit des Herzens zu gewinnen. Leise formen die Lippen des Knaben Worte aus den Vedenbüchern:
„Der Leib ist nicht von Bestand, Reichtümer währen nicht ewig, der Tod ist beständig in der Nähe, warum also sammle ich Verdienst ein? Unbesieglich, liebenswürdig, mild, freigebig, wohlhabend, ruhmreich wird man nur durch die Sicherheit des Lebens. Aber ungetrübte Freude gibt es nicht in der Welt und wird es nie geben.“
Nein - Sicherheit des Daseins ist nirgendwo in der Welt, immer gehen der Tod um, das Leid, die Klage, die Vergänglichkeit. Der Knabe erblickt wie eine Vision das Bild des Menschenschicksals - ein riesiges Rad, an das alles Dasein gekettet ist, ein Rad, das erbarmungslos umschwingt, hinauf und hinunter, endlos und - so scheint es ihm - sinnlos. Es gibt keinen Ausweg, Brahma weilt in unerreichbarer Ferne.
Am Abend erzählt Siddhartha den horchenden Höflingen ein Gleichnis.
„So wie eine Flamme nur weiterbesteht, wenn ihr stets neuer Brennstoff zugeführt wird, so existiert auch ein Wesen nur, solange es seinen Lebenswillen durch Haften an der Welt und an ihren Lüsten nährt. Das Dasein ist eine Flamme, welche in der zweiten und dritten Nachtwache brennt. Es ist dem Brennstoff nach verschieden von der Flamme der ersten Nachtwache und dennoch die unerbittliche Fortsetzung derselben. Wie anders aber kann der Brand gestillt werden, als dass man ihn löscht? Wie anders soll die erlösende Dunkelheit einkehren, als dass man die Flamme nicht mehr nährt und sie ersterben lässt?“
Der Schmerz, der den Knaben Siddhartha zum ersten Male inmitten des Frühlings und des wiedererwachenden Lebens ergriffen hat, kehrt wieder, wird bewusster, quälen-der. Seine knabenhafte Scheu vor den Göttern der alten Veden ist geschwunden. Er glaubt nicht mehr an das Dasein der fünf Welthüter Brahmas: an Indra, Varuna, Yama, Soma und Wischnu, nicht mehr an die vier Himmelswinde, an Sonne, Mond und Gestirne.
Siddhartha sucht nach der Tiefe, nach dem letzten, das hinter dem Bilde der Götter sein muss. Obwohl er sich über den Glauben der Bauern und Hirten erhoben hat, verachtet er doch nicht deren Bekenntnis - Indien ist duldsam.
Wieder ist es Frühling geworden, die Sakya bestellen die Felder und ziehen in die Haine von Kapilavastu hinaus. Die Parias arbeiten im Reissumpf, die Gespanne gehen unter Peitschenknall und Glöckchengeklingel über die Furchen. Siddhartha, der Fürstensohn, sitzt abseits von der singenden und plaudernden Jugend unter einem Rosenapfelbaum. Die Augen blicken starr und glanzlos, er hat begonnen, nach Art des Yoga - der asketischen Übung der Selbsterlösung - seinen Geist in Zucht zu nehmen, er reguliert den Atem und versinkt in Einsamkeit.
Fromme Büßer haben ihm von den vierundzwanzig Jaina-Asketen - den Siegern über die Welt - erzählt, und von Vardhamana, dem großen Helden, der den Weg gefunden hat, der aus allem Zwiespalt herausführt. Dieser Vardhamana ist etwas älter als Siddhartha. Er ist als Nachkomme eines Kriegsadelsgeschlechtes in Videna, im nordöstlichen Himalaja, geboren worden. Mit achtundzwanzig Jahren hat er seinem Reichtum, der fürstlichen Herrschaft und allem Glück entsagt, hat sich in zwölf Jahren zum reinen Asketen geformt und jetzt einen Mönchsorden gegründet. Gefolgt von seinen Jüngern, zieht der allwissende Asket durch das Land zu Füßen der Berge.
Von einem seiner Sendboten hat Siddhartha die Kunst des Yoga - das heißt Anspannung und Beherrschung des Körpers und seiner Triebe – gelernt.
Die weißgekleideten Mönche Vardhamanas lehren die Seelenwanderung. Eine Erlösung, ein Aufhören der Wiederverkörperung, kann nur stattfinden, wenn eine Seele alles Schicksalhafte, Erdgebundene aufgezehrt hat: Dann steigt sie - von aller Schwere befreit - auf den Gipfel der Welt empor.
Stille ist um Siddhartha, die Sonne scheint ihm nicht mehr, die Erde liegt tief unter ihm, seine Seele weilt in ungeheurer Gipfeleinsamkeit. Aber dann kehrt er zur Wirklichkeit zurück, findet sich gefangen in einem Körper, der untertan ist alles Leid der Welt. Die Entrückung war nur Traum und Illusion, die Unruhe des Herzens ist geblieben.
Als Sohn eines Fürsten wird er früh verheiratet, seine junge Gemahlin schenkt ihm einen Sohn Rahula. Jahre gehen dahin in fruchtlosem Grübeln über die unlösbaren Fragen. Siddhartha ist nun neunundzwanzig Jahre, viele beneiden ihn um seine Reichtümer, um das prachtvolle Erbe seines Palastes, der Haine und reichen Felder, um die zahlreichen Drawidasklaven, um die schöne Gattin und den wohlgeratenen Sohn.
Doch ihm scheinen alle seine Besitztümer, auch die Liebe zu den Angehörigen, nur wie Fesseln, die ihn fest an das Rad des Daseins halten
Bedeuten Kinder wirklich das Glück? denkt Siddhartha. Kann unser Wunsch sie vor Krankheit, Tod und Enttäuschung bewahren? Was ist Besitz? Eine Kette, die der Seele übergeworfen ist und sie am Erdhaften festhält. Nichts kann man wirklich besitzen, hinter allem steht drohend der Schatten der Vergänglichkeit.
Der neunundzwanzigjährige Prinz beschließt nach langen inneren Kämpfen, all das Seine - Frau und Kind, Reichtum, Macht und Herrschaft - hinter sich zu lassen und nach der letzten Wahrheit und dem Sinn des Lebens zu suchen.
Er beschließt, zunächst in die heilige Stadt Benares zu ziehen, wo zahlreiche Weise, Gelehrte, Pandits, Asketen sowie Künstler und Musiker leben.
Dort herrscht ein außergewöhnliches geistiges Klima. Es gibt dort eine ganze Reihe von Meistern und Lehrern, die ihr Wissen weitervermitteln. Siddhartha trifft auf einen berühmten Pandit, einen Rechtsgelehrten, der ihn, ohne zu zögern, die Dogmen und Grundsätze der Religion lehrt.
Als äußerst begabter Schüler hat sich Siddhartha sehr rasch die Hauptprinzipien der Doktrin angeeignet und erweist sich bald als fähig, alle Register der gelehrten Diskussion zu ziehen. Er beginnt selbst damit, Reden zu halten und mit anderen Pandits im Schatten der an den Ufern des Ganges aufgespannten Sonnenschirme Streitgespräche zu führen.
Aber sein Weg ist ein anderer, seine Bedürfnisse lassen sich nicht durch Gelehrsamkeit befriedigen. Endlos lange Dispute über Unklarheiten der Lehre ermüden ihn nur.
Siddhartha wird sich darüber klar, dass diese scholastische Methode zu nichts führt, außer zu einer vorübergehenden intellektuellen Befriedigung, aber mitnichten zur Wahrheit des Seins. Beim Studium der heiligen Texte findet er keine Antworten auf seine schmerzlichen Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz.
Siddhartha gibt daraufhin das diskursive, logische Denken auf, das zwar dem persönlichen Ruhm zuträglich ist, aber niemals der Erkenntnis dient.
Nach dem Abschied von seinem ersten Meister bricht er in die Wälder auf und schließt sich den Yoga-Anhängern, den Asketen, Einsiedlern und Klausnern an. Siddhartha wandert eine Zeitlang mit einem Alten, der ihn zur Schmerzlosigkeit erziehen will, indem er den Schmerz zur Gewohnheit macht. Sie kauern auf Nagelbretten, sie schneiden sich ins lebendige Fleisch, sie entziehen ihren Körpern Nahrung, Trank und Ruhe, um den Geist über das Stoffliche zu erheben.
Doch das große All bleibt stumm, die Gottheit verhüllt sich. Alle Selbstquälerei führt nicht hinaus aus dem Dunkel.
Dann findet der Sohn des Sakyafürsten einen anderen Lehrer, einen Asketen, der über gewaltige Willenskräfte verfügt, der den Körper durch Zauber und Willensbeeinflussung bezwingen will, der die Seele der Erde entrückt. Lange verweilt Siddhartha in dem krampfhaft starren Zustand, der den Geist vom Rade des Seins lösen soll.
Die Ewigkeit schweigt, die Methode der Asketen bringt nur Betäubung, nicht Freiheit. Schließlich wandert Siddhartha ohne Gefährten weiter, ein hagerer Mönch mit glatt-geschorenem Haupt, der die Bettelschale vor sich trägt und von der Mildtätigkeit frommer Menschen lebt. Nach langer Pilgerfahrt gelangt er an den Fluss Naranjara im Königreich Magadha und lässt sich nahe der Burg Uruvela nieder.
„Dort sah ich einen lieblichen Fleck Erde, schön war das Gehölz, und ein Fluss strömte dort, klar und freundlich, mit schönen Badeplätzen, und ringsum lagen Dörfer, dahin man gehen konnte. Da sprach ich zu mir: Lieblich fürwahr ist dieser Fleck Erde, schön ist das Gehölz, ein Fluss strömt dort, klar und freundlich, mit schönen Badeplätzen, und ringsum liegen Dörfer, dahin man gehen kann. So ist es gut für das Streben eines edlen Jünglings, der zu streben begehrt. So setzte ich mich denn dort nieder und dachte: So ist es gut für mein Streben.“
Im Schatten eines mächtigen Feigenbaumes meditiert er über Leben und Tod.
„Geburt und Wiedergeburt sind Naturgesetze - so muss ich sie überwinden. Auch das Altern scheint Naturgesetz zu sein - so muss ich auch das Altern überwinden. Und auch die Krankheit ist naturgegeben - so werde ich auch die Krankheit überwinden. Und auch das Sterben ist naturhaft - so muss ich Unsterblichkeit gewinnen. Schmerz ist Naturgesetz - so will ich den Schmerz überwinden. Auch das Unreine ist ein Stück Natur - so muss ich das Unreine überwinden.“
Noch einmal versucht er, seinen Körper gewaltsam zu unterwerfen, er kämpft gegen das Körperliche, um Lust und Leidenschaft zum Verstummen zu bringen.
„Ich will meine Zähne aufeinander pressen, die Zunge gegen den Gaumen stemmen und mit dem Geiste die Gedanken niederhalten, niederdrücken, nieder quälen!“
Er verbietet sich die Bewegung, er setzt Atmung, Nahrungsaufnahme und jede Regung des Leibes auf ein winziges Maß herab. Die Qual dauert Tage und Wochen.
Die Kunde von dem heiligen Büßer, der unter dem Feigenbaum von Uruvela sitzt, hat sich verbreitet. Am fernen Rande des Haines stehen ehrfürchtige Landleute; fünf Asketen haben sich in Siddharthas Nähe niedergelassen und teilen die Bußübungen, seine Marter und seine Mühe. Es ist alles umsonst, das körperliche Ich ist nicht mit äußerer Gewalt zu bändigen, das Tor bleibt verschlossen. Der Weg der Askese ist falsch. Nur mit einem ungeschwächten Körper wird er das Ziel erreichen. So kehrt Siddhartha um, er nimmt Nahrung zu sich. Ein Bild aus Jugendtagen steigt in ihm auf - wie er als Knabe unter dem Rosenapfelbaum vor den Toren von Kapilavastu gesessen und die zarte, geistige Versenkung des Yoga geübt hatte, wie das Gefühl des All-Einen ihm aus Berg, Erde und Hain zugeströmt war und wie er die erste Innenschau erlebt hatte.
Die fünf Asketen verlassen ihn, sie halten ihn für abtrünnig. Nichts Wunderbares, nichts Asketisches scheint mehr an diesem Unbußfertigen zu sein. Ein Mönch, der atmet und isst, ein Mann, der lächelnd zum Himmel blickt, ist kein Heiliger mehr. Der Rand des Haines vereinsamt, die Bauern gehen in ihre Dörfer zurück. Siddhartha kauert verlassen unter dem gewaltigen Blätterdach des Feigenbaumes. In stillen, ruhevollen Tagen und Nächten durchwandert sein geläuterter Geist die Geheimnisse der vier Versenkungen.
In seliger Klarheit erschaut er die Zusammenhänge des Daseins: Das Erwachen der Begierden und Wünsche vom Tage der Geburt an und den Beginn des Leidens, wenn Wünschen und Begehren nicht zur Erfüllung kommen.
„Indem ich also erkannte und also schaute, wurde meine Seele erlöst von der Verderbnis der Lust, und meine Seele wurde erlöst von der Verderbnis des Werdens, und meine Seele wurde erlöst von der Verderbnis des Nichtwissens...
Die Erkenntnis entsteht:
Ich bin erlöst. Vernichtet ist die Geburt und Wiedergeburt, vollendet der heilige Wandel, erfüllt die Pflicht, es gibt keine Rückkehr mehr zu dieser Welt...“
Aber diese Absonderung ist nur die erste Stufe der Versenkung, auf der er sich losreißt aus Verstrickung und Leid. Jetzt erfährt er zum ersten Mal das lautere Gefühl der inneren Ruhe. Freude und Befriedigung durchströmen seinen Körper. Dann durch-schneidet er die fünf Fesseln des Herzens in der zweiten Versenkung: Das Herz muss sich beim Wollen, Fühlen, Sehen und Essen, ja sogar beim Streben nach innerer Sammlung, aller Wünsche entäußern. Nichts mehr wollen, nichts begehren, nichts ersehnen - das ist die Freiheit.
Sein gereinigter, verklärter Geist steigt zur dritten Versenkung nieder; denn auch die himmlische Freude der Läuterung ist noch eine Fessel, die abgestreift werden muss.
Nun haben den Heiligen Schmerz und Lust, Freude und Befriedigung verlassen. Wohl- und Leidgefühl sind untergegangen in der schmerzlosen und freudlosen inneren Meeres-stille. Gleichmut und Wachsein füllen den Erleuchteten aus, nichts mehr bindet seinen reinen, geläuterten Geist.
Jetzt übersieht er im hell strahlenden Innenlicht der Seele die lange Reihe seiner früheren Daseinsformen und die Kette des Leides, die mit jeder neuen Geburt sich verlängerte. Sein Geist sieht das gesamte Universum erfüllt von diesem Leid, das aus dem brennenden Lebensdurst der Menschen wie ein Verhängnis hervorgeht. Er aber hat den Daseinsdurst und damit den Tod besiegt. Er geht ein in die sanften, lieblichen Gefilde des Nirwana - des Nicht-mehr-sein-Wollens. Der Keim zu weiteren Wiedergeburten ist zerstört, die Lebenskette zu Ende.
Das ist die Seligkeit der vierten Versenkung; aus Siddhartha, dem Sakyasohn, ist Buddha - der Erleuchtete - geworden. Gleich der strahlenden Sonne ist sein Wesen geläutert, das Rad des Daseins rollt fern an ihm vorbei.
„Selig ist die Einsamkeit des Freudigen, der die Wahrheit erkennt und schaut! Selig ist, sich immer ganz im Zaum halten und niemandem mehr ein Leid antun! Selig ist, die Leidenschaft ganz zu überwinden und alles Wünschen! Selig ist, den Stolz des trotzigen Ich zu bezwingen!“
Das Antlitz des Verwandelten leuchtet, Kraft und Sicherheit gehen von ihm aus...
Ist noch etwas zu tun?
Dunkel steht das Blätterdach des Feigenbaumes über dem Haupte des Erleuchteten, wie ein Fenster ins große Nirwana zeigt sich Himmelsblau in den Lücken des Laubes; fern - einem enteilenden Wasser gleichend - rauscht das unruhvolle Leben, schwirren Käfer, weht Gras, wogen Wälder, leben Menschen...
Ja - da ist noch ein Gedanke, der wie der Saum eines Schattens an Buddha heran-reicht: Noch leben Menschen, Brüder und Schwestern unter dem Joch des Schicksals. Soll das Geheimnis der Erlösung, die er für sich selbst gewann, anderen verkündet werden? Werden ihn die Finsternisumhüllten, die Begierdeblinden verstehen? Wird nicht eine neuerliche Berührung mit der Welt, das Hinaustreten vor die Menschen, den inneren Glanz seiner Seele trüben? Wäre es nicht Ermüdung und Qual?
Lange sinnt der Erhabene zu Füßen des Baumes von Uruvela, dann siegt die große Güte, die ihm aus der Freiheit zuströmt. Er beschließt, seine Erkenntnisse mitzuteilen, den Unerlösten das Glück der Erlösung zu predigen.
Der Sechsunddreißigjährige gedenkt der fünf Mönche, die ihm einstmals in Uruvela Gesellschaft geleistet haben und die ihn für einen Abtrünnigen hielten. Wo mögen sie weilen?
Und er sieht mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, dem über menschliche Grenzen hinausreichenden, den Aufenthalt der fünf verbündeten Mönche bei Benares, am Seherstein im Wildpark...
Gautama Buddha tritt die Wanderung nach Benares, der großen Stadt am heiligen Ganges, an. Er sucht die Menschen...
Benares ist seit alten Tagen der heiligste unter den Wallfahrtsorten der indischen Völker. Beinahe im Herzen Indiens, am Ganges gelegen, steigt die Stadt mit ihren Palästen, Tempeln und Grabmälern terrassenförmig, mit breitgelagerten Ufertreppen zu dem majestätischen Strom hinab, der in ruhigem schillerndem Gelbgrau vorübertreibt. Auf den Höhen gleißen die bemalten und mit Schnitzwerk verzierten Holzpaläste der Fürsten; wuchtige Tempel der alten Götter Schiwa, Wischnu und Brahma ruhen unter vergoldeten Dächern; Menschenmassen bewegen sich über die steinbelegten Treppen, die zur reinigenden Flut hinabführen.
Upako, ein nackter Büßer, spricht am Rande des Menschengetümmels zu Ananda, einem edlen Jüngling, der die Erlösung sucht: „Meine Seele wird verletzt durch die Grausamkeit des Seins. Sieh hin, Ananda, wie es brodelt von Wahn, Leid und Sorge, sieh den geschlagenen Dieb neben dem Stolz des Fürsten, den zusammengerafften Reichtum der Kaufleute und die schreiende Armut der Sansis daneben. Hunger, Gier, Furcht und Hoffnungslosigkeit beherrschen das Getriebe.“
Ananda ist einer der vielen, die Familie, Erbe und Heimat verlassen, ja sogar die Zeichen der Kaste abgelegt haben, um das Tor zur Ewigkeit zu finden. Doch weder bei den Priestern der Kulte noch bei den Büßern und Asketen hat er Erlösung gefunden.
Da geht inmitten der Menge ein fremder Mönch mit geschorenem Haar und Bart, er trägt das gelbe Gewand, und ein Leuchten geht von ihm aus, so dass sich eine Gasse vor ihm öffnet und der Lärm der Straßen verstummt. Gautama Buddha wandelt durch die Gassen von Benares.
Upako und Ananda folgen, von innerem Zwang getrieben, dem Heiligen. An der Dasamedh-Treppe holen sie ihn ein, und Upako spricht zu dem Leuchtenden:
„Heiter, o Bruder, ist dein Angesicht, hell die Hautfarbe und rein! Um wessen willen, o Bruder, bist du hinausgezogen? Wer ist wohl dein Meister? Zu wessen Lehre bekennst du dich?“
Der Erhabene antwortet lächelnd:
„In mir selber strahlt das Licht heiliger Erkenntnis. Unerschütterlich ist die Erlösung über mich gekommen, für mich gibt es keine Wiedergeburt mehr, ihr Freunde. Seitdem ich die wahre Erkenntnis und Einsicht gewonnen habe, die Erkenntnis in die Welt der Götter, des Brahma, der höchsten Weisheit unter den Wesen, bin ich glücklich.“
Die beiden Suchenden, Upako und Ananda, beugen sich vor der Lehre des Erleuchteten, sie hören die Predigt Buddhas von der Selbsterlösung und folgen dem Heiligen künftig auf all seinen Wegen. Sie haben ihren Meister gefunden - der Meister seine ersten Jünger. Andere stoßen dazu, es ist eine Auslese von erwählten Männern und Jünglingen. Zwölf davon bilden seine ständige Begleitung, Ananda wird der Lieblingsschüler.
Jahre der Lehre und der Wanderung durch das schöne Land gehen dahin. Fürsten und Staatsmänner, Gelehrte und Könige suchen den Erleuchteten auf. Er öffnet jedem das Tor zum Nirwana, zur Erlösung von der Qual des Werdens und Sichveränderns, er spricht zu den Paria und den Mächtigen der Erde, denn ihm sind alle Wesen gleich wert - sie alle sind angekettet an das Rad der Wiedergeburt. Keiner naht dem Erhabenen, der nicht Milde und Güte empfinge, sie nennen ihn den »Hirten« - »den, der auszieht, die verirrten Schafe einzuholen«.
Unselige und Ausgestoßene werfen sich Buddha zu Füßen, sie werden erlöst; Verbrecher gehen angesichts seiner unendlichen Güte in sich und unterdrücken ihre Leidenschaften. Nur die Kernschar der Jünger und Mönche gibt sich ganz der heiligen Selbstbesinnung hin. Wenige legen die vier Ordensgelübde ab:
Der Weg, den der Erhabene seinen Mönchen weist, fordert zwei Taten: Das Hinaus-gehen - das Verlassen von Heim und Familie, das Zerschneiden jeglicher Fesseln an das Leben. Er fordert Armut, Wanderschaft und Loslösung von aller äußeren Bindung.
Der andere Teil ist das Hinlangen, der Vorgang der Selbsterlösung, wie ihn Buddha unter dem Baum von Uruvela erlebt hat. Doch dieses Letzte ist Gnade und stille, einsame Höhe, die jeder für sich allein gewinnen muss.
Es gibt keinen Zwang, keine feste Organisation unter den Mönchen Buddhas. Der neue Weg ist keine Religion im bisherigen Sinne, sondern die Möglichkeit, die man ergreifen kann oder nicht. Darum weist der Erleuchtete auch den Eifer einiger Jünger zurück, die fanatische Formeln und Regeln aufstellen wollen. Erlösung ist ruhiges Hinschreiten auf dem Mittelpfade - keine Selbstquälerei durch Skrupel und übertriebene Askese.
Manchmal weilt der Erhabene als Gast bei reichen Kaufleuten oder an kleinen Fürstenhöfen; meist aber sucht er stille, schöne Plätze auf, die ihn an die Haine seiner Heimat erinnern. Gerne lehrt er in der »steinernen Einsiedelei« oder im »Siegerwalde Anathapindikos«.
Er lebt den Mönchen seine Lehre vor. Mit verklärtem Lächeln wandelt er durch die Dörfer mit ihren Lehmhütten und Schilfdächern. Er weicht jedem Käfer im Straßenstaube aus, er rettet die in den Teich gefallene Biene und setzt die Schritte mit Bedacht, um keine Blumen zu knicken.
Vierzig Jahre lang wandelt Buddha als Lehrer unter den Menschen. Seine Lehre breitet sich über ganz Nordindien aus.
Da geschieht es, dass der Erhabene, während die Monsunregen vom Himmel stürzen, schwer erkrankt. Sein Wille bändigt noch einmal den Verfall, er unterdrückt die Schwäche des Körpers, aber er weiß, dass die Stunde nahe ist, die ihn für immer in die todentrückte Sphäre hinüberführt. Furcht ergreift seine Jünger, Ananda wendet sich klagend an den Meister.
„Solltest du von uns gehen, wirst du nicht vorher noch zu deiner Gemeinde sprechen?“
„Ich habe ein Leben lang gesprochen, Ananda. Was zu sagen war, ist gesagt. Nun habe ich nichts mehr zu verkünden.“
Er schließt die müde gewordenen Augen und versinkt für eine Weile im Nachdenken. Dann aber erhebt er die Stimme, sein Antlitz strahlt in Verklärung.
„Wie eine Mutter ihr Kind, ihr einziges Kind, mit ihrem Leben schützt, so soll man gegen alle Wesen unermessliche Liebe erzeugen. Gegen alle Welt soll man unermessliche Liebe erzeugen, nach oben, nach unten, nach der Seite, uneingeschränkt, ohne Feindschaft und Gegnerschaft. Doch soll man sich nicht in Liebe an den einzelnen binden.
Ihr sollt sie lernen, diese Liebe: Die Erlösung des Herzens...
Durch Nichterzürnen überwindet man den Zorn; das Böse überwindet man mit Gutem; den Geizigen überwindet man mit Gaben; durch Wahrheit überwindet man den Lügner! Die mir Schmerz zufügen und die mir Freude bereiten, gegen alle bin ich gleich; Anteilnahme und Unwille finden sich bei mir nicht, Freude und Schmerz, Ehre und Unehre halten sich in mir die Waage; gegen alles bin ich gleich: das ist die Vollendung meines Gleichmuts...
Und man soll nicht töten, noch irgendein lebendes Wesen töten lassen, noch es billigen, wenn andere es töten; sondern man soll sich enthalten, den Wesen ein Leid anzutun, sowohl denen, die stark sind, als auch jenen, die in der Welt zittern...“
Wieder schweigt der Erleuchtete lange, dann fährt er, zu Ananda gewandt, fort:
„Ich bin ein Greis, Ananda, mein Weg liegt hinter mir, achtzig Jahre bin ich geworden, ein gebrechlicher Karren, den nur mehr notdürftig Stricke zusammenhalten. Denkt daran, Mönche, dass ihr eure eigene Leuchte seid, ihr braucht keinen neuen Führer - jeder sei sein eigener Meister. Niemand soll den Ersten spielen wollen.“