Begegnung mit der Mun-Sekte 

An einem Abend im Februar 1970 fuhr ich zur Universität Wien und begegnete vor dem Hause einer Gruppe junger Menschen. Einige von ihnen kamen sogleich zu mir und fragten mich, ob ich gewillt sei, den Vortrag der »Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums« zu besuchen? Ich bejahte. Daraufhin wurde mir ein junges Mädchen mit Namen Sylvia vorgestellt. Es würde mich über die Aktivitäten der »Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums« aufklären und mir meine Fragen beantworten, erklärte man mir.

    Worüber im Vortrag gesprochen wurde, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Nach dem Vortrag fragte mich Sylvia, ob ich bereit wäre, ihre Freunde und sie zum Sitz der Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums zu begleiten, um dort noch ein wenig beisammen zu sein und zu diskutieren. Mit dem Vorschlag gerne einverstanden, fuhr ich mit ihnen und war überrascht von der Herzlichkeit und Offenheit dieser jungen Menschen. Nur ihr Chef, Peter Koch, war etwas älter und kam mir irgendwie anders vor.

    Wir setzten uns um einen großen Tisch, es wurde Tee und wahrscheinlich auch Kaffee serviert, und man erzählte mir von einem Koreaner Mun, der im Alter von sechzehn Jahren am Ostermorgen eine Erscheinung gehabt habe. Jesus sei ihm erschienen und habe ihn beauftragt, seine vor 2000 Jahren gescheiterte Mission zu vollenden. Sieben Jahre habe Mun gerungen, um sich seiner Aufgabe und des Inhaltes seines Glaubens bewusst zu werden, einsam wanderte er im Gebirge umher, betete, weinte und erlebte die Realität geistiger Mächte und Wesen, vor allem die des Satans. Schließlich wird Mun verhaftet und von den Kommunisten in den Kerker geworfen und gefoltert. Er muss hungern und fast ohne Nahrung auskommen. Aber er widersteht seinen Knechten und erhält geistige Hilfe. Nachdem er sich als Zweiten Messias und Dritten Adam voll erkannt hat, heiratet er die achtzehnjährige Han und begründet mit ihr die vollkommene Ehe, jene Ehe, die Gott gewollt und nach seiner Schöpfung mit Adam und Eva hergestellt hatte. Mun und seine Han halten sich fortan für die »Wahren Eltern«, in der Gemeinschaft der Mun-Gläubigen wächst nach und nach die »Wahre Familie«. Durch Muns Erkenntnis und die Wahre Elternschaft werden fortan Kinder ohne Erbsünde geboren.

    Gerührt saßen alle da, einige hatten Tränen in den Augen. Welchen Kampf doch dieser tapfere Mann für die Menschheit ausgestanden hatte! Auch ich war beeindruckt.

    Man gab mir ein Werk mit dem Titel »Göttliche Prinzipien«, welches ich lesen sollte. Ich nahm es an und meinte, dass ich es bestimmt studieren würde.

    Ich wiederholte meine Besuche und freute mich besonders, Sylvia wieder zu sehen. Sie war ein einfaches, herzliches und liebes Mädchen, so ganz unverdorben, offen und ehrlich. Ich bemerkte bald, dass auch sie sich freute, mich wieder zu sehen. 

Mit den »Göttlichen Prinzipien« konnte ich mich jedoch überhaupt nicht anfreunden. Da waren seltsame Geschichten über Gott und die Schöpfung enthalten, keine intelligenter als jene bekannten aus der Bibel. Gott habe die Schöpfung gar nicht so sehr nach freiem Schöpferwillen vollbracht, sondern auf Grund einer Notwendigkeit. Gott benötigte ein Gegenüber, damit seine Energie pulsieren und seine Liebe reflektiert werden konnte. Adam und Evas Aufgabe sei es gewesen, ein vollkommenes und sündloses Gegenüber zum Göttlichen zu bilden. Aber leider war da Luzifer, der Erzengel und Mitarbeiter der Schöpfung, der sich nun von Gott, der Gefallen an Adam und Eva gefunden hatte, vernachlässigt und nicht mehr so geliebt fühlte. Er drang in den Garten Eden ein und nahm mit der damals blutjungen fünfzehnjährigen Eva den Vorgang des »Gebens und Nehmens« auf, indem er sie zur »Unzucht« verführte. So wurden die Menschen, die jetzt böse Kinder hervorbrachten, sündig und Luzifer ein Satan.

    Nach diesen dramatischen Ereignissen blieb Gott nichts anderes übrig, als sich einen Plan auszudenken, nach welchem er den ursprünglichen Zustand wiederherstellen konnte. Mun - wem sonst? - wurde eine entscheidende Rolle zugedacht, bei ihm sollten alle Entwicklungslinien zusammenlaufen. Mun verdeutlichte diese Gedanken Gottes, indem er die Geschichte in Zeitabschnitte einteilte, deren wichtigster 400 Jahre dauern, mit dem Jahr 1520 (Reformation) beginnen und mit dem Jahr 1920 (Geburtsjahr Muns) enden sollte.

    Jesus habe die Aufgabe gehabt, als Zweiter Adam mit einer neuen Eva die Ausgangsbasis für eine neue Menschheit zu bilden, habe aber seinen Auftrag überhaupt nicht verstanden, mit Weibern nichts angefangen, keine Eva geheiratet und auch keine sündenfreie Kinder gezeugt. 

Wir diskutierten lange. Manchmal passierte es, dass ich mein Schmunzeln über die frommen Geschichten nur schwer unterdrücken konnte, manchmal regte ich mich auf und konnte nicht begreifen, warum man meine Einwände nicht ernst nahm. Da gab es doch wirklich eine so saudumme Geschichte, die ich niemals vergessen werde, auch wenn ich mich an gewisse Einzelheiten nicht mehr erinnern kann. Moses hätte die Menschheit erlösen können, hätte er nicht in irgendeinem Augenblick vergessen, mit dem Stock irgendwohin zu schlagen!

    Wie konnten diese jungen Menschen, zu einem großen Teil Studenten wie ich, einen solchen Unsinn verdauen?, fragte ich mich immer wieder. Wenn ich eindringlich bohrte und meinte, dass ein Gott doch nicht so beschaffen sein könnte, schwiegen sie, doch kaum, weil sie sich ertappt fühlten, sondern weil sie an meiner Reife zweifelten.

    Einmal sagte Sylvia, als wir allein miteinander sprachen: „Johann, pass auf, nicht alles ist bei uns so, wie es aussieht!“ Sylvia war mit ihren beiden Schwestern zur Gruppe gekommen, ihre Eltern kümmerten sich wenig um sie. Sie erzählte mir von ihrem Elternhaus und über ihre Schwierigkeiten. Bei ihr fühlte ich mich wohl.

    Einige Wochen vergingen. Manchmal ging mein Bruder Richard, der Wirtschaftswissenschaften studierte und mit dem ich mich sehr verbunden fühlte, mit mir zur Gruppe. Sonntags hielt die Gruppe eine Andacht mit Gesang und Vorträgen ab. Einmal nahm mich die Gruppe zu einer »Außenstelle« mit. Überall begegnete ich Freude und Herzlichkeit.

    Eines Tages rief mich Peter, der Chef der Gruppe, zu sich in sein kleines Büro und sprach etwa so: „Johann, du bist jetzt schon lange bei uns und du weißt, was wir wollen. Du musst dich jetzt entscheiden! Bleibe bei uns und arbeite mit uns oder verlass die Gruppe für immer!“

    Ich war sehr überrascht, wurde blass und suchte nach Worten. „Du kannst das so nicht von mir verlangen! Ich suche die Wahrheit. Ich habe aber bei Euch bisher die Wahrheit nicht finden können. Eure Göttlichen Prinzipien kann ich nicht göttlich finden und einige eurer Behauptungen stimmen mit dem nicht überein, was ich als Student in Kirchengeschichte gelernt habe!“

    Peter sah mich nur an und zeigte keine Miene, seinen Entschluss zurückzunehmen. Hatte er vielleicht beobachtet, wie sehr mir Sylvia gefiel? Kalkulierte er, ich würde Sylvia bestimmt nicht aufgeben?

    „Nein, du kannst mich nicht kaufen, du kannst mich nicht zu deinem Sklaven machen“, arbeitete es in mir. „Die Wahrheit habe ich gesucht und nicht einen Ort einer relativen Zufriedenheit. Ich denke nicht daran, mich hier und jetzt einfangen zu lassen!“

    So stand ich auf und ging. 

Dieser Satz, den ich irgendwo gehört hatte, hämmerte in mir: »Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!« Ich war außer mir, irgendwie vollständig zerstört. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass Menschen einander so etwas antun. Warum musste ich sie verlassen, warum angefangene Freundschaften aufgeben? Warum waren die Märchen über Gott und Mun so wichtig in ihren Köpfen, dass sie Menschen, die ihnen nicht folgen konnten, verstießen?

    Ich dachte an Sylvia, und mein Schmerz wurde noch größer. Wie sollte ich sie wieder sehen, mich mit ihr wieder unterhalten können? Sie hatte bereits Ja zu Mun gesagt, der »Tag der Erkenntnis« war bei ihr bereits vorüber.

    Was sollte ich tun? Irrte ich mich und lag es vielleicht doch an meiner Unreife, dass ich Mun und seine Lehre nicht verstand?

    Ich dachte an das, was ich in Kirchengeschichte gehört hatte. Wie konnten so peinliche Fälschungen passieren, wie war es möglich, dass meine Eltern nichts davon wussten und dass der Herr Pfarrer nie etwas davon sagte? Was doch so alles nicht der Wahrheit entsprach! Die Evangelien wurden nicht wirklich von den Aposteln verfasst, die Apostelgeschichte wurde erst nach 100 geschrieben, unzählige »Dokumente« wurden geschaffen und vordatiert. Die Vorstellung vom dreifaltigen Gott mit Vater, Sohn und Heiliger Geist wurde erst in einer Kirchenversammlung 325 nach Christus beschlossen, in einer Kirchenversammlung, in der mehr gestritten und gerauft als diskutiert wurde. Die ganze Kirchengeschichte war voll von Blut, Streitereien, Verfolgung Andersdenkender, Folterungen, Hexenverbrennungen, Flüchen und Verdammungen!

    Und nun dieses Erlebnis mit der Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums! Selbst der Name war eine Täuschung, niemand vereinigte ein Christentum, nur eigene, neue Ziele versuchte man zu verwirklichen!

    Ich rannte zur Nationalbibliothek und suchte nach allen möglichen Büchern. Mitglieder der Gruppe hatten mir versichert, dass es möglich wäre, geistige Kontakte zu Verstorbenen herzustellen und Verschiedenes zu erleben. Sie fasteten zu diesem Zwecke mehrere oder viele Tage. Ich probierte es »selbstverständlich« auch, nahm alles besonders ernst und aß und trank drei Tage lang nichts. Danach verspürte Kräfte in mir, von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Sie bewegten sich durch den Körper, deutlich über den Kopf hinaus und unter den Füßen wieder herein. Dabei schien es mir, als ob es mehr als nur eine solche Bewegung gäbe. Die Bewegung selbst war von meiner inneren Ausgeglichenheit abhängig und durch Gedanken beeinflussbar.

    So begann ich, mein Rechtsstudium zu vernachlässigen und mich immer mehr dem Studium geistiger Fragen zuzuwenden. 

 

Mun und seine Bewegung

Fünfundzwanzig Jahre nach meinem Kontakt zur Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums, etwa zu dem Zeitpunkt, als ich mit dem Verfassen dieses Werkes begann, fand ich ein Buch, welches religiöse Gemeinschaften bemerkenswert objektiv beschreibt. Das »Handbuch Religiöse Gemeinschaften«, herausgegeben vom Gütersloher Verlagshaus, zählt die Munbewegung zu den Jugendreligionen, die seit dem Ende der sechziger Jahre in Europa und anderen hochtechnisierten Regionen der Erde auftraten. Die auffälligste Gemeinsamkeit dieser Gruppen ist die Anwerbung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sie bieten »heilige Meister« von absoluter, göttlicher Autorität und »gerettete Familien« an. „Beobachtet wird immer wieder eine drastische rasche Persönlichkeitsveränderung“ wird auf Seite 819 beschrieben. „Bei Ausschaltung aller Kritik kommt es zur Totalhingabe. Der Persönlichkeitswandel und die ethisch-moralischen - zum Teil recht ungewöhnlichen - Neuorientierungen führen immer wieder zu sozialen und familiären Problemen, ja sogar zu Konflikten mit dem Gesetz.“

    Interessant ist, wie verklärt die Mitglieder der Gruppe - jedenfalls zum Zeitpunkt meiner Besuche - ihren großen und geliebten Meister sahen und wie die Wirklichkeit aussieht. Die Methoden und Vorgänge dürften, soweit ich dies beobachten konnte, bei anderen Sekten ähnlich sein.

    Die Gruppe sah in Mun und seiner Frau die »Wahren Eltern«, Eltern, wie sie angeblich auch Adam und Eva vor Evas Geschlechtsverkehr mit Luzifer waren. Tatsache ist aber, dass Mun mit 26 Jahren zum ersten Mal heiratete, 1948 im Zusammenhang mit dem Vorwurf sexueller Verfehlungen verhaftet und wegen Bigamie angeklagt wurde, als er seine Anhängerin Kim, Yong-On heiratete und der betroffene Ehemann Anzeige erstattete. Mun wurde zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. 1955 wurde Mun nochmals wegen Sexualdelikten vor Gericht gestellt und begründete die Wahre Elternschaft erst 1960 durch Heirat mit der 17jährigen Han, Hak-Ja und nach Scheidung von seiner dritten Frau.

    Mun fischte nicht nur Seelen, er gründete auch Firmen in aller Welt. 1959 gründete er die Firma »Yeohwa Shotgun«, die zunächst Luftgewehre produzierte und später als Tong II Company Ltd. zum Kern eines Industriekonzerns wurde. Wegen Verfälschung von Steuererklärungen wurde er in den USA im Juli 1982 zu einer Geldstrafe von 25 000 Dollar und einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt, die er im Sommer 1984 antrat und zu zwei Dritteln verbüßte. Wegen guter Führung wurde er vorzeitig entlassen.

    Auf welcher geistigen Stufe sich Herr Mun bewegte, lässt sich also schon bis zu einem gewissen Grad von seinem Leben ablesen. Er hat keine Probleme damit, mit der Herstellung von Gewehren Geld zu verdienen, er findet es auch ganz normal, dass man Andersdenkende, besonders jedoch Kommunisten, zum Teufel schicken kann.

    Von seinen Anhängern wird Mun als »Herr der Zweiten Wiederkunft« verehrt, der zunächst in Korea und dann weltweit das »Himmlische Königreich« errichten wird. Korea gilt für Mun-Anhänger als »Heiliges Land«. Der Endkampf zwischen Satan und Gott, auch als Dritter Weltkrieg bezeichnet, könnte durchaus auch mit Waffen erfolgen.

    Die Möglichkeit einer massiven physischen, d. h. auch militärischen Auseinandersetzung wurde immer wieder ausformuliert: „Wenn wir erst einmal diese Stärke in den Vereinigten Staaten haben, dann ist der letzte Feind Sowjetrussland, dann wird der Marsch nach Moskau unser Motto. Das neue Kommando beginnt heute. Wir kämpfen mit unserem Leben, um den endgültigen Sieg zu erringen.“ (»Master Speaks, Die Bedeutung des 1. Juli 1973«).

    Mun hasst nicht nur die Kommunisten, er benutzt den Kampf gegen den Kommunismus als taktisches Mittel. In einer Rede vom 28. Dezember 1980 »Thinking back historically« sagt Mun: „Viele von euch wundern sich, warum ich den Kommunismus bekämpfe. Der Zweck ist, alle freien Nationen und alle Religionen zur Einheit zu bringen. Indem wir gegen den Kommunismus kämpfen, können wir das erreichen.“

    Mit welcher Sekte ich auch immer zu tun hatte, sie alle taktierten, rechtfertigten Gewalt und beanspruchten Macht zur Durchsetzung ihrer Ziele. Die Zeugen Jehovas, besonders glühende Anhänger des Wüstengottes Jahve, beispielsweise sind voll von solchen destruktiven Gedanken, die sie konstruktiv verstehen. Den Neuhinzukommenden wird zunächst mit schönen Zukunftsbildern das gesunde Gefühl für Recht und Unrecht genommen. Wie schnell dieser Zustand erreicht wird, hängt von dem Wunsch nach Sicherheit und eigener Bedürfnisbefriedigung ab und von der Gewohnheit, Gedrucktes relativ kritiklos anzunehmen. Die eigenen Zukunftsträume werden mit den herrlichen Bildern der Sekte vermengt, und es dauert oft nicht lange, bis der Neuhinzugekommene mit der Verteidigung der Lehren startet. Danach wird jeder noch so offensichtliche Unsinn und jede Bosheit als ach so notwendig und unvermeidbar hingestellt und bis zum letzten Blutstropfen verteidigt. 

 

Ist Mun ein Betrüger? Sind Meister wie Mun Scharlatane? 

Nun, es wäre einfach, Mun und Seinesgleichen als Betrüger abzustempeln, auch wenn sie offensichtlich betrügen und genau wissen, wo die Ehrlichkeit endet und die List beginnt. In Wirklichkeit sind sie Opfer wie alle ihre Anhänger, nur auf einer anderen Ebene.

    Mun wurde in einer christianisierten Gegend geboren. Seine Eltern treten aber erst 1930 zum Christentum über. Mun besuchte dennoch weiterhin bis 1934 die traditionelle konfuzianische Schule. Nach den stark legendär ausgestalteten Lebensbeschreibungen aus der Bewegung - verlässliches historisches Material fehlt - ist der Heranwachsende ein religiös Suchender, für den der Übertritt seiner Eltern zum presbyterianischen Christentum nicht die abschließende Klärung der eigenen religiösen Fragen bedeutet. In seiner Suche und medialen Veranlagung (er hat sich selbst als Medium verwendet) erscheint ihm Jesus. Mun steigert daraufhin seine religiösen Bestrebungen und wird zum Fanatiker im Glauben. Jahve, der große Alleskönner und Alleswisser wird ihm immer mehr zum Vorbild, die Ungereimtheiten aus der Bibel beginnt er in seinem Sinne zu deuten und zu verstehen. „Sind es nicht die Menschen, die Gott nicht verstehen?“, fragt er sich vielleicht immer wieder. „Haben nicht Menschen immer wieder versagt und damit Gottes gute Absichten zerstört? Haben Adam und Eva, Moses und Jesus nicht die Gebote Gottes missachtet? Warum sonst sollte diese schöne Welt noch immer so unvollkommen sein?“

    Ein für richtig befundener Gedanke zieht einen Schwarm neuer Überlegungen nach sich, Täuschung auf Täuschung folgt, Erlebnisse bestätigen seine vermeintlichen Erkenntnisse. Er kommt in das Gefängnis und hält sich für unschuldig und ungerecht behandelt. Bald hasst er alles, was von Kommunisten kommt, er hält sie für Schweine, denen er die wahre Kraft seines eigenen großen Geistes zeigen muss. Er lacht, wenn sie ihm ungenießbare Speisen bringen, deren Annahme er verweigert, er wächst, nachdem sie ihn gequält und gedemütigt haben. Er, Mun, lebt doch bereits von geistigen Speisen, die ihm seine geistigen Helfer reichen.

    So beschließt er, weil er im Grunde ein guter Mensch und hilfsbereit ist, dieser tief gefallenen Welt mit ihren sündigen Menschen zu helfen. Lange denkt er über Mittel und Wege nach und rechnet mit Gottes Beistand. Er »erkennt« die wahren Absichten Gottes und die Geschichte der Menschheit nach Zeitabschnitten, die durch die Zahlen drei, vier und sieben sowie das jeweils Vielfache von ihnen charakterisiert sind: Von Adam bis Noah sind es 1600 Jahre, von Noah bis Abraham 400 Jahre, die Verbannung des Papsttums dauerte 210 Jahre und 400 Jahre dauerte es von 1520 bis 1920, zum Jahr seiner Geburt.

    Entrückt murmelt er die Worte „Wahnsinn, unglaublich, phantastisch! Ja, so ist es! Die Zeit der Vollendung ist nahe und ich bin derjenige, der den Plan Gottes erkannt hat und zur Erfüllung bringen wird!“

    Zwischen Phantasie und Erfüllung aber ist ein weiter und steiniger Weg. Immer neue Schwierigkeiten stellen sich ihm in den Weg, die er als Prüfung Gottes versteht. In der Bibel findet er Bestätigungen für sein Handeln. In einer internen Rede vor Funktionären seiner Bewegung erklärt er: „14 Jahre nach dem Beginn meiner öffentlichen Wirksamkeit feierte ich 1960 die heilige Hochzeit, die Hochzeit des Lammes, wie sie in der Bibel (Offenbarung 19) prophezeit worden ist. 1960 wurde also die erste himmlische Familie auf Erden gegründet. Das entspricht in der Bedeutung genau dem Augenblick der Kreuzigung Jesu... Ich errang den ersten und wichtigsten Sieg: ich erfüllte den himmlischen Plan. Der Sohn des Himmels kam auf die Erde und empfing die erste Braut des Himmels. Von diesem Tag an gab es die erste wirkliche Basis auf Erden, von der Gott weiterarbeiten konnte ... In unserer Bewegung bin ich jetzt in der Lage, sowohl die geistige als auch die physische Grundlage des Paradieses wiederherzustellen“ (»Master Speaks, 1. Juli 1973«).

    Mun wird - wie viele andere vor ihm - ein Opfer biblischer Vorstellungen. Er bedient sich ähnlicher Gedanken und fühlt sich auserwählt und aufgefordert, die Kommunisten, diese angeblichen Handlanger des Satans, aus dem Weg zu räumen. Wie Moses im Auftrage seines Gottes ganze Völkerschaften dahinschlachtet, so sieht Mun in seinen Visionen, wie er an der Spitze einer unendlichen Schar von Anhängern und unter dem Zeichen und Segen Gottes die Kommunisten besiegt. Nach diesem Gemetzel wird ewiger Friede einkehren, den er, Mun, zu seinem ewigen Ruhme hergestellt hat.

    Menschen, die die Realität so sehr verkennen und verdrehen, erscheint bald jedes Mittel gerechtfertigt. Steuern hinterziehen verliert den Charakter einer strafbaren Handlung, wenn die hinterzogenen Mittel für die Rettung der Seelen verwendet werden, der Gang in das Gefängnis wird nicht als Strafe, sondern als Opfer empfunden, welches für die noch sündigen Mitmenschen dargebracht wird. Jede vernünftige Überlegung, jeder noch so überzeugende Einwand wird solcherart nach Bedarf verdreht und empfunden. 

 Zum Inhaltsverzeichnis  -  Weiter zu Kapitel "Der Tatsachenbericht"