Einleitung
Ich habe mich für die Matura privat vorbereitet und musste, auf mich selbst angewiesen, auch während der Zeit meines Rechtsstudiums an der Universität Wien Abendkurse einer privaten Schule besuchen. Zum ersten Studienabschnitt zählten auch die Fächer Kirchenrecht und Kirchengeschichte, und der Vortragende verblüffte mich immer wieder mit seinen Ausführungen über die zahlreichen Fälschungen und die fehlenden authentischen Schriften. Mir war völlig unverständlich, wie es sein konnte, dass die Kirche Dinge als Wahrheit lehrte, die den Theologen schon lange als Fälschungen und Tendenzliteratur bekannt waren.
Wahrscheinlich neugierig geworden, besuchte ich eines abends nach Abschluss der Ersten Staatsprüfung einen der Vorträge einer »Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums«, die in einem gemieteten Raum an der Universität Wien abgehalten wurden. Ich hatte zu dieser Zeit überhaupt keine Ahnung von Sekten und war daher der Meinung, mit den sympathischen, jungen Menschen, die zum Vortrag kamen, vernünftig reden zu können. Ein junges, kaum fünfzehnjähriges, liebes Mädchen wurde mir sofort als eine Art Betreuerin zugeteilt. Nach dem Vortrag folgte ich der Einladung der Gruppe zu Gesprächen und hörte mit Erstaunen, dass ein gewisser Herr Mun aus Korea als neuer Messias in die Welt gekommen sei, um das erfolgreich zu vollbringen, was Christus misslungen wäre. Ich bemerkte jedoch bald, dass von einer Vereinigung des Christentums keine Rede war, sondern vielmehr von einer Neuauflage unter der Führerschaft des Herrn Mun. Als Hauptfeind galt der »böse Kommunismus«, der pauschal verdammt und in die Hölle verwünscht wurde. Einige Stellen der so genannten »Göttlichen Prinzipien«, die diese Gruppe verbreitete, kamen mir ausgesprochen kindisch und lächerlich vor. Gewisse geschichtliche Darlegungen stimmten nicht mit dem überein, was ich als Student in Kirchengeschichte gelernt hatte. So brachte ich meine Einwände vor und bemerkte zum ersten Mal in meinem Leben, wie freundliche und scheinbar wahrheitsliebende Menschen andächtig zuhören, aber kein einziges Wort zur Kenntnis nehmen konnten.
Nach zahlreichen Gesprächen und gemeinsamen Ausflügen nahm mich der Chef der Gruppe in sein Zimmer, um mir zu erklären, dass nun die Zeit der Entscheidung gekommen sei. Er forderte mich auf, zur Gruppe zu übersiedeln und für die Gruppe zu arbeiten oder aber in Zukunft von weiteren Besuchen Abstand zu nehmen. Diese unmenschliche Aufforderung zu einer geistigen und körperlichen Sklaverei überraschte mich sehr und schockierte mich unbeschreiblich. Erstens kam ich von den Bergen - meine Eltern waren Bergbauern - und hatte keine Ahnung von dieser besonderen Art von Brutalität, zweitens gefiel mir das junge Mädchen und ich wollte es nicht verlieren.
Ich ahnte bereits zu dieser Zeit, dass Mun als neuer Messias durchaus nicht ungefährlich war. In jedem Atemzug sprach er zwar von Liebe, aber seine Liebe endete offensichtlich bei Andersdenkenden, insbesondere bei Kommunisten, die er als neue böse Kraft empfand. Dachten Menschen im Sinne dieser neuen Sekte, dann waren sie gut und brauchbar, dachten sie anders - vielleicht sogar kommunistisch! - dann waren sie böse und satanisch. In mir begann dieser Satz zu hämmern, den ich irgendwo gehört hatte: »Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!« Nein und abermals nein, um keinen Preis würde ich meine Seele verkaufen!
So begann meine Suche nach der Wahrheit. Weitere schmerzvolle Enttäuschungen folgten, ich änderte sogar meine Zukunftspläne und beendete das Studium der Rechtswissenschaften. Viele Jahre lang suchte ich sodann im Irrgarten unterschiedlichster Glaubenslehren und studierte in allerlei Sachgebieten, bis mir endlich deutlicher sichtbar wurde, warum die Menschen in dieser Welt wie in einem Nebel umherirren, die Wahrheit nicht finden und nicht einmal wissen, was sie sind, woher sie kommen und wohin sie nach dem irdischen Ableben gehen.
Zunächst verbrachte ich sehr viel Zeit an der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Die Sektenmitglieder hatten mir von geistigen Erlebnissen vorgeschwärmt und behauptet, dass es möglich wäre, mit den Toten zu reden. Sie fasteten einige Tage und erlebten etwas. Ich versuchte es selbstverständlich auch und entdeckte nach dreitägigem Nahrungs- und Flüssigkeitsentzug Kräfte in mir, die sich irgendwie drehten. Ich fühlte ganz genau, wie einige von ihnen deutlich größer waren als der Körper und wie sie ein- und austraten, so dass ich aus der Zeit zwischen dem Verlassen und dem Wiedereintritt in den Körper deren Umfang erahnen konnte. Erst später habe ich erfahren, dass diese Kräfte als »Chakras« im fernöstlichen Denken gut bekannt sind.
An der Nationalbibliothek fand ich ausreichend Bücher über den geistigen Verkehr mit dem Jenseits. Einige Bücher erschienen mir durchaus nicht wie von Verrückten geschrieben, vielmehr waren einige in einem offenen und aufrichtigen Geiste verfasst. Ich fand insbesondere einen so genannten Tatsachenbericht, der mich rasch gefangen nahm, weil er ausgesprochen lieb, offen und aufrichtig auf mich wirkte und weil er die Entstehung und den Sinn des Lebens in einem wissenschaftlichen Geiste beantwortete. Ich besuchte den Herausgeber, einen älteren Herrn, bei dem ich bald sah, dass er den Tatsachenbericht unmöglich verfasst haben konnte. So besuchte ich das so genannte Medium, einen bereits mehr als achtzig Jahre alten Herrn, der Straßenbahnfahrer in Wien gewesen war. Er war ein lieber Mann, der mir erzählte, wie er zu einem Medium ausgebildet worden war und wie man ihn über eine lange Zeit als Schreibmedium verwendet hatte. Er beschrieb, wie seine Hand in nächtlichen Stunden ohne sein Zutun zu schreiben begann und wie er morgens zahlreiche Seiten niedergeschrieben hatte, über deren Inhalt er nur staunen konnte. Auch er konnte meiner Überzeugung nach diesen Tatsachenbericht nicht aus eigenem Geiste geschrieben haben.
Im Tatsachenbericht behauptete der Verfasser, Johannes zu heißen und ein Jünger Christi gewesen zu sein. Er sei von den jenseitigen Wesen, insbesondere von den Jüngern Christi, beauftragt worden, den Tatsachenbericht für die Menschheit zu verfassen und über das Medium durchzugeben. Er erklärte, dass Christus den Gott der Juden als böse bezeichnet habe und deswegen von ihnen verfolgt worden war. Alle Aufzeichnungen der Jünger Christi seien von den Fälschern vernichtet und durch irreführende Behauptungen ersetzt worden. Das, was Christus wirklich gelehrt und gesagt habe, habe er, Johannes, im Tatsachenbericht festgehalten.
Der Tatsachenbericht nahm mich immer mehr gefangen, desto länger ich mich mit ihm beschäftigte. So wurde beispielsweise behauptet, dass Christus von den Essenern gekommen sei und nicht von den Juden. Tatsächlich geschah, dass einige Jahre nach der Durchgabe des Tatsachenberichtes zahlreiche Schriften in Qumran am Toten Meer gefunden wurden, die vermuten ließen, dass Christus von Essenern abstamme!
Alles wäre gut gegangen und ich wäre vielleicht ein glühender Verfechter des Tatsachenberichtes geworden, wenn ich ein wenig mehr auf Glauben geprägt gewesen wäre. So aber konnte ich nicht damit aufhören, über jede unklare oder offenbar unrichtige Aussage immer wieder nachzudenken. Ich fand zu meiner Überraschung sogar einen zweiten Tatsachenbericht, der in einigen Kapiteln deutlich von dem zuerst vorgefundenen abwich. Wie konnte es - um Gottes Willen! - zwei unterschiedliche Versionen eines wahrhaftigen Berichtes aus dem Jenseits geben?! Naiv wie ich damals jedenfalls noch war, konnte ich diese Tatsache nicht verdauen. Es kostete mir ungeheuer viel Zeit und bescherte mir viel innere Unruhe, bis ich eines Tages in einem Anfall von Verzweiflung den ganzen Tatsachenbericht in den Ofen warf.
Ich konnte zwar das Buch im Ofen beseitigen, nicht aber in meinem Gedächtnis auslöschen. Die Gedanken wirkten weiter, und ich musste jeden immer wieder von neuem überdenken und überprüfen, bis ich es endlich schaffte, die Ungereimtheiten zu verstehen, das Gute zu behalten und das Enttäuschende zur Kenntnis zu nehmen.
Nicht allzu lange nach Beendigung des Rechtsstudiums und einige Jahre vor dem Verheizen des Berichtes wurde ich Erzieher in einer Anstalt für Schwererziehbare, um im Geiste des Tatsachenberichtes »Gutes zu tun«. Auch in diesem Beruf fand ich mich bald zurecht und studierte eifrig die Lebensläufe der Kinder und Jugendlichen, die im Heim untergebracht waren. Eine weitere Enttäuschung reifte mit der Erkenntnis heran, dass ein Erziehen von Kindern und Jugendlichen in einer Anstalt wie dieser unmöglich war. Wie konnte man Hunderte Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familien in einem kasernenartigen Gebäude unterbringen und mit viel zu wenigen Erziehern verwalten lassen? Waren die Erzieher nicht überfordert? Konnten sie den Kindern und Jugendlichen auch nur annähernd jenes Gefühl vermitteln, das diese für eine einigermaßen zufrieden stellende Entwicklung brauchten? Eines Tages wagte ich es, einen Erzieher zu fragen, wieso er erst zehn Minuten vor Dienstschluss zum Nachtdienst erschienen war? Er aber hielt es nicht für erforderlich, einem jungen Erzieher wie mir eine Erklärung abzugeben, worauf ich eine Eintragung im Dienstbuch machte, zumal eben dieser Erzieher gerne unmögliche Bemerkungen über die Jugendlichen machte. Die Heimleitung war entzückt über meinen angeblichen Mut, die anderen Erzieher waren empört und begannen, mich, den sie zuvor »den lieben Herrn Sauerschnig« genannt hatten, filmreif zu ignorieren. Mein Pech war, dass ich keine Ahnung davon hatte, dass der von mir im Dienstbuch notierte Erzieher mit Kollegen Karten gespielt und mit ihnen getrunken hatte.
Um eine Erfahrung reifer verabschiedete ich mich vom Beruf des Erziehers und wurde selbständig in einem Beruf, den ich bisher noch nie ausgeübt hatte, für welchen ich aber damals auf Grund der Reifeprüfung die Gewerbeberechtigung erhielt. Ich richtete eine Vervielfältigungsanstalt ein, startete mit allerlei Schreibarbeiten, kaufte nach und nach Druckmaschinen, Kopier- und Setzgeräte und sogar eine Reprokamera. Als ich nach einigen Jahren auch noch einen Computer kaufte und die Programme wie selbstverständlich selbst zu schreiben begann, ergab es sich, dass mich andere Firmen baten, ihre Programme zu verbessern bzw. neue zu schreiben. Als ein Händler die Absicht äußerte, meine Programme sogar auf einer Büromesse anzubieten, wechselte ich nochmals meinen Beruf und baute im Waldviertel ein Softwarehaus auf.
Ich programmierte nicht nur, ich verkaufte auch Hardware und hielt in einer Maturaschule Computerkurse ab. So beschäftigte ich mich also auch mit dem Aufbau von Computern, ihren Funktionen und Basisprogrammen und begriff immer mehr, was es bedeutet, Ideen zu haben und mit diesen ein Gerät zum Leben zu erwecken. Ich verglich die Programme mit biologischen Vorgängen und bemerkte eine gewisse Ähnlichkeit. So vertiefte ich mich immer mehr in das Studium der Biologie und auch Physik, um die Zusammenhänge herauszufinden.
Schon bald nach Beginn der Wahrheitssuche begann ich mich intensiv damit zu beschäftigen, wie verschiedene Weltensysteme nebeneinander existieren könnten. Wenn es ein Jenseits gibt - so sagte ich mir -, dann muss es auch eine Antwort darauf geben, wie zwei oder mehrere Weltensysteme nebeneinander vorhanden sein können. Ich war zu dieser Zeit jedoch noch sehr von den Gedanken des Tatsachenberichtes beeinflusst und auch sonst noch nicht in der Lage, die Dinge klarer zu sehen.
Der Tatsachenbericht beschrieb eindrucksvoll, dass alles Geist ist, wobei man sich Geist als eine Kraft (Energie) vorstellen sollte. Auch viele andere Berichte und Abhandlungen gingen davon aus, dass alles Geist wäre. Einstein bestätigte indirekt eindrucksvoll die jenseitigen Theorien, die davon ausgingen, dass die Materie (Masse) nur eine Form der Energie (des Geistes) ist. Erst sehr viele Jahre später begriff ich, dass Energie ebenso wie Raum, Farben und Formen nur Wirkungen des Geistes sein können.
Heute bin ich mir sicher, dass alles Geist ist und dass alles Seiende auf Willensäußerungen des Geistes beruht.
Den Glauben an eine Existenz eines allwissenden und allmächtigen Gottes (wie dies Jahwe von sich behauptet) begrub ich mit zunehmendem Zweifel an der Richtigkeit des Tatsachenberichtes. Mir wurde vor allem klar, dass es unmöglich ist, viele Vorgänge nebeneinander bewusst zu erfassen. Denken Sie sich einen besonders intelligenten Menschen und stellen Sie ihn neben einen einfachen Menschen. Wo liegt der Unterschied bei den beiden? Der Unterschied liegt darin, dass der besonders aufnahmefähige Mensch ideenreicher handeln kann als jener, dem die Ideen nicht so recht kommen wollen. Beide jedoch können sich nur mit einer Sache auf einmal beschäftigen. Lesen, schreiben, singen, fernsehen, kochen, Tiere beobachten usw. kann auch der überaus gescheite Mensch nicht zur gleichen Zeit!
Wenn es nun in der Natur des Bewusstseins liegt, dass es nur eine Sache nach der anderen bewusst verarbeiten kann, dann kann es auch gar kein Wesen geben, das allwissend ist und gleichzeitig sein Bewusstsein zu allen Dingen und zu allen Lebewesen, nach allen Welten und zu den Milliarden von Galaxien ausrichten kann. Diese übertriebenen Vorstellungen führen, weil sie in der Wirklichkeit keine Entsprechung finden können, nur dazu, dass viele Menschen einen »geistigen Chef« überhaupt ablehnen, obwohl man, wenn man will, leicht wahrnehmen kann, dass die Natur und die Welten nach intelligenten Vorstellungen funktionieren.
Dass es mehr als nur das gibt, was wir wahrnehmen, sah ich insbesondere an folgendem persönlichen Erlebnis: Eines Tages fuhr ich mit Christine und ihren beiden Kindern nach Amaliendorf. Christine lenkte das Auto, und ich saß vorne neben ihr. Plötzlich überkam mich ein überaus starkes Gefühl, dass wir mit einem Auto zusammenstoßen würden, obwohl ich ein Auto gar nicht sehen konnte. Und siehe da - kurze Zeit später tauchte ein Auto auf unserer Straßenseite auf! Erst knapp vor dem Zusammenstoß verriss der entgegenkommende Fahrer sein Fahrzeug und verhinderte den Aufprall. Wie konnte ich aus eigenem ein Gefühl für ein uns gefährdendes Fahrzeug bekommen? Eine Täuschung konnte es auch nicht sein, weil mir Christines Sohn anschließend erzählte, dass auch er ein ähnlich merkwürdiges Gefühl bekommen habe.
Besonders beeindruckt haben mich auch gewisse Träume. Als ich die ersten Jahre intensiv nach der Wahrheit suchte und Fragen hatte, träumte ich oft die Antwort und erwachte exakt zu einer ganz bestimmten Zeit. Es geschah sogar, dass ich nicht munter wurde und durch ein anderes Geräusch - zum Beispiel durch ein rufendes Kind - erwachte. Ein Blick auf die Uhr zeigte wieder dieselbe Zeit, und zwar auf die Minute genau! Eines Tages hatte ich wieder ungelöste Fragen und träumte - doch siehe da, ich träumte, dass ich nichts mehr träumen würde und nun meinen eigenen Weg gehen müsste. Seit dieser Zeit träume ich auch solche Träume nicht mehr und erwache auch nicht zur fraglichen Zeit, auch wenn ich es mir oft gewünscht habe.
Das sind freilich persönliche Erlebnisse, die aber durchaus wissenschaftlich ernst genommen werden könnten. Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen geistige Erlebnisse unterschiedlicher Art haben, aber schweigen, weil sie nicht wollen, dass sie belächelt werden.
Ich habe im Fernsehen gesehen, wie sich ein Schamane seine Zunge abschneiden ließ und wie sie ihm anschließend wieder anwuchs. Über glühende Kohlen zu gehen, ohne sich die Füße zu verbrennen, mag auch kein Beweis für die Existenz des Geistes sein. Alle diese Tatsachen und Erlebnisse sind aber doch deutliche Hinweise, dass es mehr gibt als wir heute zuzugeben bereit sind.
Ich habe als Unternehmer im Verlaufe der Jahre eine Reihe von Mitarbeitern beschäftigt und als Systemprogrammierer Einblick in Hunderte Betriebe gewonnen. Ich habe die Stärken, aber auch die Schwächen und Fehler der Menschen kennen gelernt und die Geschäftemacherei ausgekostet. Ich habe versucht, einfach zu bedienende und selbsterklärende Programme zu schreiben, um den vielen Menschen im kaufmännischen Bereich zu dienen. Dabei habe ich die Grenzen ebenso kennen gelernt wie die Flut von Gesetzen, die für eine Gesellschaft wie diese geschaffen werden müssen. In einem Staat, in welchem jeder für sich das bestmögliche herauszuholen versucht, wird es trotz des großen technischen Fortschritts nie genug geben, wird der Staat immer zahlungsunfähig werden. In einer Gemeinschaft, in der die Starken versuchen noch stärker zu werden, indem sie ihr Vermögen gut anlegen und ohne eigene Kraft arbeiten lassen können, in einer Gemeinschaft, in welcher die Menschen ihre Grenzen markieren können, die niemand ohne Erlaubnis überschreiten darf, wird es immer Privilegierte und Benachteiligte, Arme, Hungernde und Verhungernde geben. Wenn die Reichen durch Spekulation und nicht durch der Hände Arbeit noch reicher werden dürfen, wenn Leute mit gewissen Möglichkeiten rasch ihr Geld vermehren können, während andere für ihre Arbeit einen Pappenstiel erhalten, dann wird es immer Gebiete, Erdteile und Bevölkerungsschichten geben, die in Armut und Sorge und an der Grenze zum Verhungern »leben« müssen. In einer so ungerechten Welt entstehen solcherart immer neue Ideologien, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, den anderen ihre Vorteile mit Gewalt abzunehmen. Krieg, Elend und Tränen sind die Folgen.
Es ist allen nichtprimitiven Menschen klar, dass ein gemeinschaftliches Leben nur im wahrhaften Geiste und in Liebe möglich ist. Es muss niemand aufstehen, um hinauszuschreien, wie böse und gemein die Menschen sind und wie unfähig zur Liebe. So einfach ist die Sache nicht. In einem Paradies mag es leicht sein, Halleluja zu jubeln und den ganzen Tag im Gesicht zu strahlen, hier, auf der Erde, finden wir Bedingungen vor, die uns oft mehr zu Tränen als zum Gesang Anlass geben.
Viele unserer großen Probleme liegen in den Naturgesetzen dieser Welt begründet, in die wir hineingeboren werden. Hilflos, völlig den Eltern ausgeliefert, gelangen wir hierher und müde und verbraucht verlassen wir die Welt wieder. Zwischen Ankommen und Abgang aber arbeiten wir uns hoch, suchen wir nach Halt, Anerkennung und einer gewissen Befriedigung unserer Wünsche.
Als Vater und Erzieher habe ich niemals böse Kinder festgestellt, nur Erwachsene mit Bergen von Vorurteilen. Vielleicht gibt es wirklich böse Kinder und vielleicht ist so mancher Mensch von Natur aus böse, ich persönlich habe es nie erfahren. Die so genannten Schwererziehbaren, mit denen ich einige Zeit gelebt habe, waren problematische Kinder, weil sie unter unzumutbaren Zuständen aufgewachsen sind; sie waren für mich kein Beweis, dass der Mensch von Natur aus böse ist, dass er mit einer Erbsünde geboren wird, wie uns dies die Kirche unterstellt.
Unsere Vorurteile reichen bis in das Detail und wir erkennen sie als solche häufig nicht. Was da alles so sein muss oder sein soll, schreit zum Himmel und macht die Kinder zu dem, was die Erwachsenen später sind. Sie beginnen, allen möglichen Unsinn zu glauben und schleppen einen Rucksack von Vorurteilen durch die Gegend, bis so mancher unter ihnen zusammenbricht.
Was alles uns so wichtig ist! Die Stufenleiter der Zwänge beginnt bei der Geburt und endet erst mit dem Tod. Was alles an Wissen müssen die Kinder in sich aufnehmen! Sind sie nicht begabt genug, erhalten sie schlechtere Noten, als ob ein Kind mit geringeren geistigen Fähigkeiten schlechter wäre als ein von Natur aus talentierteres. Anstatt die Fähigkeiten zu fördern, überschütten wir die Kinder mit Kenntnissen, die ihnen den Einstieg zur nächsten Stufe der Zwänge, dem Beruf, erleichtern sollen. Dann geht es erst richtig los! Produzieren, Geld verdienen, Umsatz steigern, Produktivität erhöhen, Steuern zahlen, Konkurrenz austricksen, Modernisieren, Automatisieren, größer und noch größer und noch größer werden bis zum Wahnsinn! Wer nicht gut genug schaffen kann, wird entfernt, mit Arbeitslosengeld getröstet oder wie eine kaputte Lokomotive auf Nebengeleise abgestellt.
Was reden wir so viel von Arbeitslosigkeit? Gibt es wirklich nicht genug Arbeit oder nur nicht genug Arbeit, die gut bezahlt wird?
Seit uns Darwin eindrucksvoll klargemacht hat, dass die Evolution auf erfolgreichem Kampf ums Dasein beruht, haben die Starken und Trickreichen geistige Nahrung und die Bestätigung erhalten, dass man in diesem Kampf um das Überleben alle Register ziehen kann, die Vorteile bringen. Das Vorteilsdenken entfaltete sich wie Unkraut, und heute ist es selbstverständlich, dass jeder auf seinen Vorteil bedacht ist. Wann immer wir etwas tun, fragen wir uns, welchen Nutzen wir davon haben werden. Jeder verkauft sich so gut er kann, jeder holt sich vom Staat, also von der Gemeinschaft, was immer er holen kann.
Wenn sich das schlechte Gewissen bemerkbar macht, entwickeln sich viele zu wahren Künstlern der Verdrängung und Umdeutung. Sie stellen Theorien auf und begründen, was begründet werden muss. Viele nehmen Orden und Titel an, orientieren sich nach vermeintlichen Vorbildern, nach Menschen, die in schönen Villen wohnen, Yachten fahren, schöne Kleider anziehen und pro Tag mehr ausgeben als viele Familien das ganze Jahr hindurch.
Was soll die Behauptung, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben?
Tatsache ist, dass diese Welt mit großem Abstand nicht die beste aller möglichen ist, sie ist vielmehr grausam und hart und zwingt uns zu abstoßenden und ekelhaften Verhaltensweisen. Gibt es etwas Ärgeres als den Umstand, dass ein Lebewesen nur auf Kosten des Lebens eines anderen existieren kann?
Christus sagt dazu im Tatsachenbericht schöne Worte: »Ein Lebewesen dient dem anderen in der Nächstenliebe«. Schöne Worte vielleicht für den Fresser, bestimmt jedoch nicht für den Gefressenen!
Ich wehre mich einfach dagegen, dass wir uns ständig irgendwie anlügen und solcherart als große und kleine Heuchler durch das Leben gehen. Nehmen wir die Tatsachen doch wie sie sind und verschleiern wir sie nicht ununterbrochen mit allerlei großen und kleinen Lügen, die nur dazu führen, dass alles noch schlimmer wird!
Viele reden von Wahrheit, meinen aber das, was sie selbst unter Wahrheit verstehen. Viele reden von Gerechtigkeit und verstehen unter gerecht das, was ihnen angenehm erscheint. Viele glauben an Gott, aber der geglaubte Gott ist ein Gott ihres Glaubens. Er muss so beschaffen sein und alles das tun, was sie selbst für gut und richtig finden.
So ist es möglich, dass ein geistiger Sumpf und ein Unwissen über das Leben entstehen, aus dem es schier kein Entkommen zu geben scheint. Wahrheit aber hat zunächst vor allem mit Wahrhaftigkeit zu tun, mit Aufrichtigkeit, Offenheit und Nächstenliebe. Wenn wir wirklich die Hintergründe des Lebens herausfinden und uns nicht mit Glaubensvorstellungen aller Art - auch wenn sie wissenschaftlich verpackt sind - zufrieden geben wollen, dann müssen wir uns zuerst wahrhaft verhalten, mit dem Aufräumen von Vorurteilen beginnen und uns selbst erkennen.
Es liegt doch auf der Hand, dass diese unsere kleine Welt eine Welt der Gegensätze ist, eine Welt, in welcher Menschen unterschiedlicher geistiger Abstimmung miteinander leben können, um so voneinander zu lernen und im Geiste zu reifen. Sie ist kein Paradies, war es niemals und wird es niemals sein, weil deren Sinn und Zweck ein anderer ist, als jene zu glauben verlangen, die sich auf Offenbarungen und göttliche Anordnungen berufen.
Nach meiner langjährigen Wahrheitssuche bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass nicht alles auf dieser Welt Zufall ist. Wir werden aber den Sinn des Lebens erst verstehen und Einblick in die geistigen Abläufe erhalten, wenn wir Geist und uns selbst verstehen beginnen, uns von der derzeitigen geistigen Stufe verabschieden und uns der Wahrheit und Nächstenliebe zuwenden.